In Frage gestelltes Erbe

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Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienene Publikationen und Presseartikel hoben weiterhin das Bild des Wallis als ländliche und Bergregion hervor. Die Autoren, ob Walliser oder nicht, betonten die schroffe Umgebung, die beschwerlichen Verkehrsverbindungen, die auf Landwirtschaft und Viehzucht basierende Wirtschaft, die religiöse und kulturelle Tradition der Dorfgemeinschaften. Diese «Walliser» Eigenschaften finden sich, mit einigen Varianten, in der Beschreibung anderer ländlicher oder Alpenregionen wieder.

In der Schweiz diente diese Darstellungsweise der Wiederbelebung patriotischer Gefühle: im Gegensatz zur städtischen Gesellschaft, die als zu kosmopolitisch erachtet wurde, repräsentierte die ländliche starke moralische Werte, welche die geistige Landesverteidigung stützten und die Landesausstellung von Zürich (1939) inspirierten. Diese während dem Krieg weit verbreiteten Bilder prägten die Mentalitäten noch über die 1950er-Jahre hinaus. Doch das Wallis der Nachkriegszeit lässt sich nicht auf dieses karikaturartige Bild reduzieren. Man muss das subtile Zusammenspiel von Brüchen, Veränderungen und Kontinuität, welche die Walliser Strukturen während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten, in Perspektive setzen. Wird das Erbe der Vergangenheit überliefert, verändert oder in Frage gestellt? Diese Fragestellung dient als roter Faden.

Über diese Ereignisse und Brüche hinaus geht es darum, die Bedeutung der Veränderungen zu verstehen, indem man sie in Perspektive setzt und ausleuchtet. So lassen sich in der jüngsten Geschichte drei wichtige Epochen unterscheiden.

Die erste, von 1945 bis 1965, zeichnete sich durch einen Liberalismus aus, der den gesamten industriellen Sektor dynamisierte; es war die Zeit der Staumauern, der Verkehrswege, der allgemeinen Verbreitung des Arbeitnehmertums, der Beschleunigung der Landflucht. Die Walliser wandten sich von der Landwirtschaft ab, wurden Arbeiter.

Die zweite, von 1965 bis 1985, stand in einem weniger eindeutigen Kontext. Das starke wirtschaftliche Wachstum gewährleistete die Entwicklung des Bausektors, der Skiorte, der Parahotellerie, der Immobilienspekulation, der Dienstleistungen, der Konsumgesellschaft. Der schrittweise durch das Eingreifen des Bundes kanalisierte Aufschwung wurde durch die Rezession Mitte der 1970er-Jahre gebremst. Die Förderung der Grundausbildung unterstützte den Übergang vom Sekundär- zum Tertiärsektor: Die Walliser wurden Angestellte und Kader.

1985 begann die dritte, komplexere Epoche, in der sich das Leben durch Mobilität, Intensivierung der Verkehrsverbindungen und Informatisierung auszeichnet. Auf verschiedenen Stufen der Walliser Realität wird nach neuen Ausrichtungen zur Aufwertung des Potenzials des Kantons gesucht. Die Mentalitäten sind offener, was durch den breiteren Zugang zu höheren Ausbildungen, den Einfluss der Medien, die Mobilität der Bevölkerung und die Entwicklung des Tourismus herbeigeführt wurde. Die Walliser sind hauptsächlich im Tertiärsektor tätig.

Bibliographie

  • Histoire du Valais, Annales valaisannes 2000-2001, Sion, 2002


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