Alpine Lebensräume

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Abb. 87 - Vielfalt alpiner Biotope um den Armina-See oberhalb Saint-Luc: feuchte Wiesen, KrummseggenRasen, Schneetälchen, Felsen, Schutthalden, Sonnenhänge und am Touno, kühle Schattenhänge (rechts).

Der alpine Lebensraum ist äusserst vielgestaltig: von der oberen Waldgrenze zu den höchsten Gipfeln, von den Sonnenhalden zu den kühlsten Schattenhängen (Abb. 87). Mit Ausnahme der alpinen Rasen sind sämtliche Räume einer regelmässigen Verjüngung unterworfen: die Felsen durch die Erosion, die Schutthalden durch Steinschlag, die Moränen durch die Bewegungen der Gletscher, dasSchwemmland durch die Launen der Flüsse. So übt das Muttergestein einen besonders sichtbaren Einfluss auf die Flora aus. Die Pflanzen gruppieren sich nach ihren ökologischen Bedürfnissen und bilden zahlreiche Gesellschaften, die für jeden Standort kennzeichnend sind. Die Kenntnis ihrer hauptsächlichen Charakterarten wird dem Wanderer erlauben, sich in diesem floristischen Mosaik zurechtzufinden.

Inhaltsverzeichnis

Alpine Rasen

Abb. 88 - Typische Vertreter eines Borstgrasrasens aus dem Vallon de Réchy. Von links nach rechts: Arnika, Bärtige Glockenblume, Männertreu, Alpen-Klee, Alpen-Wegerich, Purpur-Enzian und Borstgras.

Der alpine Rasen ist eine der attraktivsten Erscheinungen unserer Berge. Das Fest beginnt im Frühling mit den Soldanellen und Küchenschellen, gleich nach der Schneeschmelze. Wenige Tage später übersät der Pyrenäen-Hahnenfuss den grünen Rasen mit weissen Tüpfelchen. Oder sind es die viel grösseren der AlpenAnemone, welche auf sauren Böden von der Schwefel-Anemone abgelöst wird ? Von diesen Pflanzen erblickt der Wanderer im Juli nur mehr die Früchte. Er mag sich trösten, die meisten anderen Blumen sind da, in voller Pracht. Vom unvergleichlichen Reichtum dieser Flora zeugen die Zahl der Nektar suchenden Insekten und... unser unnachahmlich würziger Bergkäse. Seit langem stehen die alpinen Rasen unter Einfluss der Berglandwirtschaft. Der eindrücklichste Eingriff seitens des Menchen war das Herunterdrücken der oberen Waldgrenze. Dadurch befinden sich die meisten Alpweiden und die an sie gebundenen Pflanzen halbwegs auf der alpinen wie auf der subalpinen Stufe.

Die Borstgrasrasen wachsen auf sauren, trockenen oder feuchten Böden zwischen 1800 und 2400 m Höhe. Es sind minderwertige Weidegründe, die man oft der Zwergstrauchheide abgerungen hat. Sie sind im Wallis häufig: Alp La Chaux oberhalb Verbier, der obere Teil der Arpille bei Martigny, Mont Lachaux bei Montana, die Matten von Riederalp-Bettmeralp im Aletschgebiet. Das kennzeichnende Gras ist das Borstgras; es bildet einen kurzen, dichten und feinen Rasen (Abb. 88). Unter den Begleitpflanzen erkennen wir die Arnika, die Bärtige Glockenblume, den Alpen-Klee wie auch den Kochschen Enzian, Zwillingsbruder des auf Kalk gedeihenden Clusius'Enzian. Ein prägnanter Duft erfüllt die Luft an schönen Sommer- und Herbsttagen: der des Alpen-Klees. Bückt Euch über die Pflänzchen; der Duft kommt weniger von den Blüten oder von den überall vorhandenen Blättern als von den dicken Knollen, aus welchen diese entstanden sind. Vielleicht streicht ebenfalls über den sonnigen Rasen der unvergessliche Duft des Männertreus. Das Vieh jedoch verschmäht diese Kräuter, lässt Borstgras und Arnika stehen. Auf diese Weise breiten sich die geschonten Arten - das Borstgras vor allem - auf Kosten der anderen Arten aus. Bei Überbeweidung gewinnt diese Rasenart an Boden.

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Die Rispengrasrasen sind ertragreiche, meist ebene Weiderasen in unmittelbarer Nähe der Alphütten oder in Senken mit grossem Nährstoffeintrag. Dies sind die wahren, seit Jahrhunderten bestehenden, der Beweidung durch das Vieh angepassten Weiden. Das Alpen-Rispengras vergesellschaftet sich mir weiteren Gräsern, verschiedenen Schafgarben und farbigeren Pflanzen wie BergHahnenfuss, Braun-Klee, Schweizerischer Löwenzahn und bisweilen Gold-Pippau. In der Nähe der Ställe und an ebenen Stellen, wo das Vieh gern verweilt, ist der Boden mit Stickstoff angereichert. Der Rasen macht hier den Lägerfluren Platz, wo Alpen-Ampfer, Gänsefuss, Guter Heinrich, Brennessel, Alpen-Kratzdistel vorherrschen, wie auch der Röhrigblättrige Gelbstern, dessen kleine Blüten im Frühling helle Tupfen setzen. Auch Jahrzehnte nach Aufgabe des Weidebetriebs bleibt diese Pflanzenassoziation bestehen.

Die Blaugras-Horstseggenrasen bevorzugen sonnenreiche Kalkhänge, zum Beispiel auf den Höhen von Montana, zwischen Cry-d'Er und les Violettes. Die Segge mischt sich unter die Horste des Blaugrases, welche die Erde zurückhalten und dem Boden eine treppenförmige Struktur verleihen. Besonders gut vertreten sind die Schmetterlingsblütler: man erkennt den Süssklee mit seinem schönen, ins violett schillernden Rosa, den Blau-lilafarbenen Alpen-Tragant, das helle Gelb des Alpen-Spitzkiels. In solchen Rasen, zwischen Kalkfelsen verstreut, muss man Alpen-Aster und Edelweiss suchen; dieses wächst nicht nur an schwindelerregenden Orten.

Tafel XVIII

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Alpine Rasen

1. Übersicht - Diese oberhalb von Montana am Mont Lachaux gelegene Alpweide gehört zu den Rispengrasrasen. Die Vielfalt der blühenden Arten ist eindrücklich: man erkennt den Berg-Hahnenfuss (gelb, zahlreich), die Gemeine Berg-Nelkenwurz (etwas helleres Gelb), den Clusius'Enzian (blau), das Langspornige Stiefmütterchen (violett) und den Alpen-Wegerich (braun).

2. Grosse Soldanelle - Diese zur Familie der Schlüsselblumengewächse gehörende Pflanze blüht im Vorfrühling in unmittelbarer Nähe der Schneeflecken. Ihre zarten Blüten vermögen sogar die schmelzende Schneedecke zu durchstossen. Auf unserem Bild hat der Winter einen dürren Stengel samt letztjähriger Fruchtkapsel verschont.

3. Fleischroter Mannsschild - Ein weiterer Vertreter der Schlüsselblumengewächse. Er ist nur im Wallis zuhause, wächst mit Vorhebe im Krummseggenrasen, auf saurem Boden, besonders in der penninischen Kette.

4. Alpen-Pechnelke - Diese eher seltene Pflanze ist hier vom Gold-Fingerkraut (gelb) und dem Alpen-Wegerich umgeben (längliche Blätter und Blütenstände mit sichtbaren Staubgefässen).

Abb. 89 - Die Alpen-Akelei im Derbon-Tal bei Derborence. Sie ist eher selten und wächst im Rostseggenrasen.

Die Rostseggenrasen kolonisieren kühle Nordhänge in den Kalkbergen des Unterwallis. Ihre Vegetation ähnelt der der Hochstaudenfluren, mit denen sie auf der subalpinen Stufe zusammenleben. Der Gelbe Enzian, dessen blütentragende Stengel mehr als 1 m hoch werden, findet hier seinen bevorzugren Standort, wie auch die Alpen-Akelei (Abb. 89).

Abb. 90 - So sieht ein Buntschwingelrasen aus: hartes, stechendes, in dichten Horsten wachsendes Gras zwischen Silikatfelsen (Vallon de Réchy).

Die Buntschwingelrasen (Abb. 90) bevorzugen sonnige Geröllhalden aus Silikatgesteinen, auf der linken Talseite, im Val d'Hétens zum Beispiel, sowie in der Aletschgegend und oberhalb Salvan, im Val du Trient. Den Buntschwingel erkennt man von weitem an seinen grossen Horsten, mit steifen und stechenden Blättern, auf die man sich besser nicht setzt ! Diesem Rasen sind wir schon in den felsigen Steppen der Niederungen begegnet, in Föhrenwäldern auf sauren Böden. Auf der alpinen Stufe beherbergt er so verschiedene Pflanzen wie die Schwefel-Anemone, Hallers Laserkraut, den Felsen-Ehrenpreis und das Grossblürige Fingerkraut, dessen Blätter denen der Erdbeere gleichen.

Der Krummseggenrasen ist weit verbreitet auf abgeflachtem Gelände in grösserer Höhe. Er liebt trockene, ziemlich saure Böden, wie dies auf den buckligen Alpweiden oberhalb von St. Luc der Fall ist (Abb. 87). Die Krummsegge, mit ihren kleinen, eingerollten und leicht stechenden Blättern, bildet den Grund dieser Rasen, die im Juli schon vergilben. Auf dieser recht einförmigen Unterlage blühen kurzstengelige Pflanzen wie das Weissgraue Kreuzkraut, der Alpen-Klee, die Halbkugelige Rapunzel, manchmal die AlpenPechnelke, der Fleischrote Mannsschild, wie auch der prächtige Alpen-Enzian (östlich des Val d'Hérens). Die Kuppen sind oft durch die Alpen-Azalee überwachsen, deren kurze, mit Flechten durchsetzte Teppiche sich zu gegebenet Zeit mit rosa-roten Blüten schmücken.Die Nacktriedrasen wachsen an den kältesten Standorten: abschüssige Schattenhänge in grosser Höhe, windgepeitschte Kuppen, ohne schützenden Schnee im Winter. Diese spezialisierte Vegetation findet sich zum Beispiel an den Gräten um das Vallon de Réchy oder auf den Höhen über Zermatt. Das Nacktried, der Krummsegge sehr ähnlich, wird von einigen anderen, frostharten Arten wie dem Lappländer Spitzkiel und einer kleinen Zwerglilie, der Faltenlilie, und auch von zahlreichen Flechten begleitet.

Schneetälchen

Auf der alpinen Stufe, vornehmlich in buckligem Gelände, bleibt der Schnee bis Mitte Sommer in Mulden und Senken liegen. Unter solchen Bedingungen müssen die Pflanzen sich mit einer Wachsrumsperiode von ein oder zwei Monaten abfinden. Dagegegen sind sie weder der grossen Kälte noch der Trockenheit ausgesetzt. Zudem ist der Boden ziemlich fruchtbar und reich an Humus. Die Vegetation solcher Tälchen ist spezialisiert, sattgrün und niedrig, sie bildet einen Kontrast mit dem umliegenden Rasen. Die repräsentativsten Arten sind Zwergweiden, eigenrliche "Bonsais", deren kriechende Zweiglein sich äusserst langsam über oder unter dem Boden entwickeln. Die Kraut-Weide, von der man nur Blätterpaare erblickt, gilt als der kleinste Baum der Welt. Die Vegetation der Schneetälchen setzt sich aus folgenden Arten zusammen: auf Kalk die Stumpfblättrige Weide, die Netz-Weide und die Blaue Gänsekresse; auf Silikat die Kraut-Weide, der SchneetälchenFrauenmantel und die Sibbaldie. Je länger die Schneebedeckung dauert, umso mehr dominieren die Moose, besonders über saurem Untergrund.

Felsen

Abb. 92 - Karrenfeld von Tsanfleuron (in der Nähe des Sanetschpasses): hochwüchsige Pflanzen wie der Blaue Eisenhut und der Graue Alpendost wachsen in den tiefen, vom Rieselwasser in die Kalkschicht eingeschnittenen Furchen. So geschützt blühen diese Pflanzen oft bis in den Herbst hinein.

Für die Pflanzen stellen Felsen ein denkbar unwirtliches Umfeld dar. Erde kann sich nur in Ritzen ansammeln. Sonneneinstrahlung und Verdunsrung sind besonders an südexponierten Stellen sehr ausgeprägt, was schnell zu Wassermangel führt. Die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind beträchtlich. Und doch haben sich zahlreiche Pflanzen diesen harten Lebensbedingungen angepasst, denn auf diese Weise können sie sich vor der Konkurrenz anderer Arten schützen.

Kalkfelsen sind im Unterwallis und in der Berner Kette häufig. Sie beherbergen die kleinen Polster des Schweizerischen Mannsschildes, die Herzblättrige Kugelblume, die Rosetten der Gelben Felsen-Primel und die bescheidenen Sprosse des Filzigen Hungerblümchens. Auf der subalpinen Stufe begegnet man dem Trauben-Steinbrech, dessen Blattränder einen weisslichen Kalksaum tragen, und dem Leberbalsam, einem kleinen Rachenblütler mit Rosablüten, der vor allem im Unterwallis verbreitet ist. Karrenfelder, Kennzeichen einer Karstlandschaft, sind grosse Kalkflächen, auf denen das Regenwasser Lösungsfurchen gezogen hat. Eine solche "Mondlandschaft" findet sich auf Tsanfleuron (Abb. 92), die unterhalb des Diableretsgletschers etwa 8 km2 bedeckt, eine andere auf Plaine-Morte oberhalb Montana. Auf nacktem, trockenem Fels können nur wenige Pflanzen Fuss fassen. Die Kühle der tiefen Einschnitte behagt sogar den Farnen und hohen Stauden wie Alpendost, Eisenhut oder dem seltenen Hohen Rittersporn.
Silikatfelsen herrschen in der penninischen Kette vor und beherbergen eine Flora voller Anziehungskraft. Denken wir an die Rote Felsen-Primel, die im Mai schon ihre rosa Girlanden ausbreitet, an Vandellis Mannsschild, welcher sich vom Schweizerischen Mannsschild durch kleinere und hellere Polster unterscheidet, oder auch an den Himmelsherold, der mit dem unvergleichlichen Blau seiner Blüten sich schmückt. Vielleicht ist es Euch vergönnt, in solchen Lebensräumen die Gletscher-Edelraute zu bewundern mit ihren verwandten Arten, die zur Herstellung eines berühmten Likörs dienen: die Echte und die Schwarze Edelraute, wobei letztere mit recht verschiedenartigen, sogar kalkhaltigen Böden Vorlieb nimmt.

Tafel XXIX

Kalkschutthalden

Die Schutthalden oberhalb der Plaine Morte (Montana) weisen eine äusserst reichhaltige Flora auf. Man erkennt die Grossköpfige Gemswurz (gelb), die Alpen-Margerite (weiss), den Gletscher-Hahnenfuss (weiss-rosa).

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Abb. 91 - Rundblättriges Täschelkraut (oben, rosa Blüten) und Alpen-Gemskresse (unten, weiss). Es sind zwei kleine Kreuzblütler, typische Vertreter der Kalkschutthalden (hier Plaine Morte ob Montana).

Geröllhalden

Schutthalden entstehen durch Verwitterung des Felsmaterials; die grösseren Brocken kommen meist zuunterst zu liegen. Fliessende Geröllmassen bleiben praktisch ohne Pflanzenwuchs. Hingegen werden die mehr oder weniger stabilisierten Halden durch Spezialisten kolonisiert, welche dazu beitragen, die obere Schicht zu festigen. Gewisse Arten, wie die Grossköpfige Gemswurz und der Grüne Alpendost, besitzen eine gut entwickelte Pfahlwurzel, die eine feste Verankerung in den Steinen ermöglicht. Andere, wie die Silberwurz oder die Stumpfblättrige Weide, überziehen das Geröll mit einem Netz von Stengeln, das Humus bildet und einen etsten Ansatz zur Festigung des Bodens leistet. Weggerissene Teile des Stockes können weiter unten Fuss fassen und zum Fortschritt der Kolonisierung beitragen. Weitere Arten, der Zweizeilige Grannenhafer und die Kriechende Berg-Nelkenwurz, bilden Erdsprosse oder Ausläufer, die zu neuen Pflänzchen führen können. Die Flora der Geröllhalden ändert je nach Grösse des Gerölls. Es seien nur einige der typischsten Arten erwähnt.

Schutthalden aus Kalkgestein werden von der Grossköpfigen Gemswurz, vom Breitblättrigen Hornkraut, vom Schweizerischen Labkraut und von kleinen Kreuzblütlern wie Alpen-Gemskresse und Rundblättriges Täschelkraut kolonisiert (Abb. 91). AlpenHahnenfuss, Berg-Löwenzahn und Mont-Cenis-Glockenblume wachsen auf feinem Material. Auf subalpiner Stufe erscheinen grössere Gewächse: der Grüne Alpendost, die Schneeweisse Pestwurz, der Berg-Baldrian. Eine ausgezeichnete Übersicht über diese Flora erhält man im Raum Montana-Anzère, zwischen oberer Waldgrenze und Rawylpass.

Schutthalden am Silikatgesteinen werden gekennzeichnet durch den Säuerling, Clusius' Gemswurz, das Einblütige Hornkraut und die Kriechende Berg-Nelkenwurz. Das Val dAnniviers, die Region von Zermatt und die von Chanrion, zuhinterst im Val de Bagnes, liefern hierfür gute Beispiele. Der Alpen-Mannsschild bevorzugt feinen Schutt. Auf subalpiner Stufe treffen wir den Schildblättrigen Ampfer und das Felsen-Leimkraut. Gewisse Pflanzen findet man auf Kalk- wie auf Silikathalden: das Alpen-Leinkraut zum Beispiel und zahlreiche Steinbrecharten.

Tafel XXX

Flora der Kalkschutthalden und Kalkfelsen

1. Kalk-Polsternelke - Schönes Beispiel einer Polsterpflanze. Ihre dichtgedrängt wachsenden Blätter wirken wie ein Schutzschild gegen Wind und Kälte; wenn diese zerfallen, bildet sich Humus, in welchem andere Pflanzen, hier der Alpen-Hahnenfuss, Wurzel fassen können.

2. Zwerg-Pippau - Ein Korbblütler, typischer Besiedlet der Kalkhalden, wie auch der Berg-Löwenzahn.

3. Gegenblättriger Steinbrech - Ein feuchter Standort und Felsritzen genügen diesem Steinbrech. Die dichtgedrängten Blättchen bilden typische, kleine Schilder.

4. Schweizerischer Mannsschild - Blüht früh im Jahr und nur für kurze Zeit. Meist stösst man auf seine schon verblühten Pölsterchen mitten in einer auf den ersten Blick feindlichen Umwelt.

5. Mont-Cenis-Glockenblume - Diese zierliche Blume bringt Leben und Farbe in die Geröllhalden und lockt manches nektarsuchende Insekt an.

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Moränen

Moränen sind Gemenge aus feinem und grobem Gesteinsschutt, die von vorstossenden Gletschern transportiert und beim Abschmelzen des Eises liegenbleiben. Sie unterscheiden sich von den Schutthalden durch grössere Festigkeit und einen bedeutenden Anteil an Feinmaterial, sind folglich ein günstiger Standort für die Pflanzen. Die heute von der Vegetation kolonisierten Moränen wurden alle während des 19. Jahrhunderts am Ende der Wachstumsperiode der Gletscher von diesen zurückgelassen. Ihre Flora ähnelt der der Schutthalden und gehört zu den vielfältigsten der alpinen Stufe. Man kann sich davon überzeugen, wenn man zu den Gletschern ins hintere Bagnes-Tal wandert. Da das Geröll aus verschiedenen Gebieten stammt, ist seine Zusammensetzung recht vielfältig. Sobald eine Moräne Spuren von Kalk oder Serpentin aufweist, wie dies in der Gegend von Zermatt der Fall ist, ist ihre Flora merklich reicher als wenn sie ausschliesslich aus silikatischem Geröll besteht.

Die Vegetation der Moränen wurde besonders eingehend am linken Rand des Aletschgletschers studiert, auf subalpiner Stufe, zwischen 1800 und 1970 m ü. M. Man kann fünf verschiedene Rückeroberungsstadien unterscheiden. Fünf bis zehn Jahre nach dem Rückzug der Eismassen erscheinen kleine Pionierpflanzen wie Säuerling und Alpen-Leinkraut. Zwischen 25 und 30 Jahren sind die Schweizer-Weide sowie andere Zwergweiden an der Reihe. Zwischen 30 und 60 Jahren ersetzen Silberwurz, Braun-Klee und Bleicher Klee die Pionierpflanzen der ersten Generation. Nach 60 bis 100 Jahren fassen Zwergsträucher Fuss, wie die Rostblättrige Alpenrose, während sich ein erster, aus Lärchen, Fichten, Birken und einigen Zitter-Pappeln bestehender, lichter Wald bildet. Nach hundert Jahren ist die Alpenrose mit Heidelbeere und Preiselbeere vergesellschaftet. Man muss 120 bis 150 Jahre rechnen, bis ein Jungwald aus Arven und Lärchen heranwächst, und vermutlich mehr als 1000, bis sich seine floristische Zusammensetzung stabilisiert. Die Entwicklung vollzieht sich folglich in den ersten fünfzig Jahren in schnellem Rhythmus, in der Folge bedeutend langsamer.

Tafel XXXI

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Flora der Schutthalden und Felsen aus Silikatgestein

1. Übersicht - Die vom Rhonegletscher zurückgelassenen Moränen werden von typischen Pionierpflanzen kolonisiert, wie der Clusius'Gemswurz (gelb), dem Rauhen Steinbrech (gelblich), dem Einblütigen Hornkraut (weiss) und dem Säuerling (rötlich).

2. Alpen-Mannsschild - In hohen Lagen auf Silikat recht häufig.

3. Gletscher-Edelraute - Eine ehet seltene, auf den Gräten der penninischen Kette wachsende Art; hier auf den Höhen im hintersten Val de Bagnes. Die meisten Edelrauten und Wermutgewächse zeichnen sich durch grün-weissliche, flaumige und duftende Blätter aus.

4. Ausgeschnittene Glockenblume - Eine endemische Art; sie breitet sich vom Simplon nach Westen bis zum Mischabel aus und nach Osten bis zum Beginn der Tessiner Alpen.

5. Himmelsherold und Vandellis Mannsschild - Beide silikatliebende Pflanzen wachsen vor allem in der penninischen Alpenkette. Erstere (blau) östlich des Val dAnniviers.


Abb. 93 - Durch die Ebene von Gletsch zieht die junge Rhone ihre Flussschleifen. Die Entwicklung des Pflanzen Wuchses auf den seit den 1850-iger Jahren vom Gletscher freigegebenen Flächen wird regelmässig und genau beobachtet. Diese äusserst vielfältige Pflanzenwelt umfasst unter anderem spezialisierte Assoziationen der Zweifarbigen Segge auf den vom Hochwasser immer wieder neu gestalteten Schlammflächen. Derartige Landschafren sind im Zuge der Errichtung grosser Stauwerke fast alle aus unseren Alpen verschwunden.

Schwemmland

Am Ufer der Flüsse, auf dem in regelmässigen Abständen durch das Hochwasser stets neu gebildeten und umgestalteten Schwemmmaterial, kann man eine äusserst interessante Pflanzenwelt beobachten, die sich sowohl der Erosion wie der Sedimentation angepasst hat.

Das trockene Schwemmland, das oft aus grobem Schotter besteht, wird vor allem durch Fleischers Weidenröschen kolonisiert. Diese Art findet man bis in die Niederungen, am Rhoneufer beim Pfynwald.

Das feuchte Schwemmland, sandig oder kiesig, sind von besonderem Interesse. Liebhaber von Seltenheiten haben vielleicht das Glück, auf eine Vergesellschaftung von Seggen zu stossen: Zweifarbige Segge, Binsenblättrige Segge, Kleinhakige Segge und Arktische Binse. Die Verbreitung dieser Gruppe, von der Arktis bis zu den Ketten der Alpen und des Himalaya, bezeugt die Existenz eines regen floristischen Austausches während der letzten Eiszeiten. Die Seltenheit dieser Pflanzengesellschaft in den Alpen stempelt sie zu einer glazialen Relikt-Population. Ihr Vorkommen ist eng an die aussergewöhnlichen Landschaften in gewissen hochgelegenen Talböden hinterer Alpentäler gebunden, wo die Flüsse sich in verschiedene Arme aufteilen und frei mäandrieren. Im Wallis verschwanden die meisten dieser Landschaften unter den Wassern der grossen Stauseen, wie Mauvoisin, Dixence odet Mattmark. Die letzten Zeugen befinden sich zum Beispiel im Valsorey unter dem GrandCombin, auf der Hochfläche des Ar du Tsan im Vallon de Réchy, auf der Täschalp im Mattertal, wie auch bei Gletsch unterhalb des Rhonegletschers (Abb. 93).

Siehe auch