Arven- und Lärchenwälder

Aus Wikiwallis
Wechseln zu: Navigation, Suche

In den innerern, überdurchschnittlich sonnenreichen, aber auch harten Winterfrösten ausgesetzten Tälern der Alpen bilden Arve und Lärche die höchstgelegenen Wälder. Beide Arten beschränken sich auf die Alpenketten und die Karpathen, sind jedoch mit sibirischen Arten verwandt. Wollte man einen Baum zum Wahrzeichen des Wallis erküren, die Wahl fiele bestimmt auf die Arve. In der Tat verdanken zahlreiche Alpweiden ihren Baumschmuck diesen schönen Arven, deren dunkle Silhouette sich von Firn und Schnee abhebt.

Inhaltsverzeichnis

Charakter der Arve

Die Arve ist eine Föhre, deren Wipfel sich verlängert und abrundet. Wind und Blitzeinschlag geben ihr ein unverwechselbares Gepräge. Ihre Nadeln sind in Büscheln von fünf, nicht von zwei, gruppiert, ihre Samen nicht geflügelt. Die leicht violettfarbenen, nach Harz duftenden Zapfen stehen in Wipfelnähe. Sie sind bauchig wie ein kleiner Apfel und enthalten in einer harten Schale essbare Kerne. Einst waren diese so begehrt, dass die Förster das Sammeln verbieten mussten. Diese Kerne werden von den Tannenhähern als Wintervorrat versteckt und so verstreut. Am Ort vergessener Verstecke werden junge Arven spriessen, oft erst nach Jahren, vorausgesetzt der Standort sei günstig.

Man sagt, die Arve sei auf gut ausgebildete, reiche Böden angewiesen. In Wirklichkeit jedoch kann sie, zusammen mit der Lärche, auf Mineralböden, wie den jungen Moränen des Aletschgletschers, Fuss fassen. Doch ist in solchen Fällen die Sterblichkeit durch Austrocknen der Unterlage hoch. Deshalb braucht sie gewöhnlich eine gute Humusschicht, welche die Feuchtigkeit besser zurückhält als ein steiniger Boden.

Die Arve ist etwas weniger lichthungrig als die Lärche und wächst gern in lichten Waldbeständen. Ihre Widerstandskraft der Kälte gegenüber ist aussergewöhnlich und noch kaum erforscht: sie hält Temperaturen von -40°C aus ! Sie wächst äusserst langsam und erreicht schliesslich 15-20 m. Gewisse Arven im Aletschwald oder in Zermatt sind über 1000 Jahre alt. Sie sind die ältesten Bäume des Landes. Das Arvenholz war besonders zur Herstellung von Möbeln und Täferungen begehrt.

Charakter der Lärche

Die Lärche ist ein majestätischer, luftiger Baum, der bis 30-35 m himmelwärts strebt. Im Sommer hebt sich ihr helles Grün angenehm vom Dunkel der andern Nadelbäume ab. Ende Oktober wird sie goldgelb; die Sonnenstrahlen verfangen sich im Gold ihrer Krone: tausend Flämmchen entzünden sich auf dem dunkeln Grund der Herbstschatten. Die Lärche ist der einzige europäische Nadelbaum, der im Herbst seine Nadeln abwirft. Dies erlaubt ihr, die grosse Kälte besser zu überstehen. Auch ihre Borke, die bis zu 20 cm dick werden kann, bildet einen vorzüglichen Schutz.

Die Lärche ist ein Pionierbaum. Ihre kleinen, geflügelten Samen werden leicht vom Winde fortgetragen. Sie ist äusserst lichthungrig und keimt nur schwer im Moos des Unterholzes, fasst hingegen gern Wurzel auf kahlen Böden und hält die Trockenheit aus. Gut durchlüftete Böden, wo kein Wasser stagniert, sind ihr genehm. Sie ist die hauptsächliche Kolonisatorin der Moränen, Geröllhalden und der mit wenig Vieh bestossenen Alpweiden.

Abb. 73 - Tausendjährige Lärchen bei Simplon Dorf.

Die Lärche wächst schneller als die Arve und ist ebenso langlebig: man hat kürzlich bemerkt, dass die Bäume eines prächtigen Bestandes in der Nähe von Simplon-Dorf mehr als tausendjährig sind ! (Abb. 73). Die Lärchen ob Balavaux bei Isérables sind die grössten der Schweiz: eine weist einen Durchmesser von 2 m auf! Jede Gegend nennt einige Riesen, die auf den Alpweiden seit dem Mittelalter verschont geblieben sind, ihr eigen.

Es kommt vor, dass die Nadeln ganzer Bestände schon Mitte Sommer verdorren. Dies ist das Werk des Lärchenwicklers, eines Klein-Schmetterlings, dessen Larven sich von Nadeln ernähren. Die Parasiten des Lärchenwicklers vermehren sich ihrerseits und üben ihre ausgleichende Rolle aus. So erreicht der Befall seinen Höhepunkt für zwei oder drei Jahre, flaut dann ab, um alle acht bis zehn Jahre wieder einzusetzen, in einem deutlich feststellbaren Rhythmus. Im Wallis reichen die letzten Schäden auf die Perioden 1952-54, 1963-64, 1971-72, 1980-81 zurück.

Das Lärchenholz, unter hellem Splint rötlich und hart, liefert ein vorzügliches, gegen Fäulnis und Insektenbefall gefeites Baumaterial: weder chemische Behandlung noch Anstrich sind nötig! Die für die Kornspeicher grob mit der Axt zugehauenen oder die für die Wohnhäuser kunstvoll gefügten Lärchenbalken überleben vier, fünf Jahrhunderte, mehr noch, vorausgesetzt, das Dach bleibe dicht. Diese Balken erhalten unter dem Einfluss der Sonne eine natürliche, dunkle, fast schwarze, von prächtigen rötlichen Untertönen bereicherte Patina.

Kurz gesagt, die Lärche ähnelt der Arve, was die Lebensbedingungen betrifft, unterscheidet sich jedoch durch mehrere bedeutende Vorteile: schnelleres Wachstum, leichteres Ausstreuen der Samen, geringere Ansprüche an den Boden. Die Lärche war für das Baugewerbe unersetzlich. Zudem dulcete sie eine Beweidung in ihrem Unterwuchs, so dass sie mehr geschont wurde als Arve und Fichte. Ausserdem zieht sie Nutzen aus vom Menschen geschaffenen Lichtungen oder aus mit Bäumen durchsetzten Alpweiden. Deshalb wohl hält die Lärche 21% des gesamten Waldbestandes gegenüber nur 3% für die Arve.

Verbreitung von Arve und Lärche

In feuchten Gebieten wie Unterwallis und Goms ist die Arve schwach vertreten, ebenfalls auf den Kalkböden der Berner Kette; hier vor allem aus klimatischen Gründen. Im Aletschgebiet bildet sie schöne Wälder, wie auch im Lötschental. Ihre eigentliche Domäne, jedoch, beginnt unmittelbar links der Rhone, auf den Höhen von Nendaz, Nax, Chandolin oder Moosalp und dehnt sich bis zuhinterst in die trockensten Seitentäler aus. An einigen Orten bildet die Arve reine Bestände (Aroila, Tortin, Zermatt...), vermischt sich aber meist mit der Lärche, der Fichte und sogar der Weisstanne (Hohtenn).Die Lärche mag auf den ersten Blick an trockene Zonen gebunden erscheinen, wie die Arve. In Wirklichkeit jedoch wächst sie sehr häufig in niederschlagsreichen Regionen wie im Tessin und dem Alpensüdhang. Studiert man ihre Verbreitung etwas eingehender, bemerkt man, dass sie dort wächst wo die jährliche Zahl der Nebeltage unter 20 und die relative Luftfeuchtigkeit unter 75% sinken. Ein Optimum erreicht sie in den Vispertälern, wo sie mehr als 70% der Bäume ausmacht. Dieses Verhältnis sinkt auf 25-30% in der Gegend der Drance-Täler. Ihr Hauptverbreitungsgebiet hört bei Monthey auf. Darüber hinaus, Richtung See, spielt die Lärche nur mehr eine Nebenrolle. Sie lässt sich im Mittelland und im Jura anpflanzen, wird dann aber anspruchsvoller, was Licht, Höhe und Bodenqualität betrifft.

Arvenwälder und Zwergstrauchheiden

In den Arvenwäldern dominieren bisweilen Fichte und Lärche. Die Bäume stehen weit auseinander, der erschwerten Lebensbedingungen, aber auch der Holznutzung und des Weidebetriebs wegen. Dort wo das Vieh nicht allzu intensiv grast, bedeckt sich der Boden mit einer 20-90 cm hohen Pflanzendecke. Dieser aus Zwergsträuchern bestehende Teppich umfasst vor allem Ericaceen (Heidegewächse): Alpenrose, Heidelbeere, Preiselbeere und Bärentraube. Tabelle 2 erlaubt, die hauptsächlichen Arten nach ihren Merkmalen zu unterscheiden. Die Böden dieser Zwergstrauchheiden sind meist Podsole mit scharf getrennten Schichten (Tafel XXV). Die Ericaceen gedeihen mühelos auf diesen kargen Böden dank Pilzen, die symbiotisch in den äusseren Wurzelzellen leben. Durch ihren Humus erhöhen diese Pflanzen noch den Säuregehalt des Bodens. Das Vorhandensein gewisser Zwergstrauchheiden oberhalb der Waldgrenze ist ein sicheres Zeichen dafür, dass hier einst gerodet wurde. In der Berner Kette sind diese Pflanzengesellschaften schwach entwickelt, da dort Kalk vorherrscht. Seitdem man das Bewässern der Alpweiden und das Schneiden oder Abbrennen der Holzpflanzen aufgegeben hat, gewinnt die Zweigstrauchzone an Boden. Es lassen sich zwei grosse Gruppen von mit der Zwergstrauchgesellschaft assoziierten Arvenwäldern unterscheiden.

Tab. 2 - Unterscheidungsmerkmale der wichtigsten Erikagewächse in den subalpinen Zwergstrauchgesell-schaften.

Der Alpenrosen-Heidelbeer-Arvenwald ist der häufigste. Er wächst an Schattenhängen mit langer Schneebedeckung. Zum Beispiel im Aletschwald oder auf den Höhen über Zermatt. Solche Bestände sind nicht leicht zu durchwandern: man sinkt bis zur Hüfte in ein dichtes Astgewirr, welches kleinere Felsbrocken und andere Hindernisse verdeckt. Stellenweise findet sich das Wollige Reitgras, bekannt aus den Tannenbeständen der subalpinen Zone. Doch herrscht neben Heidel- und Preiselbeere die Rostblättrige Alpenrose vor, so benannt nach der rostfarbenen Blattunterseite. Sie ist keine seltene Att; sie zeigt sogar die Neigung, vernachlässigte Alpweiden zurückzuerobern. Doch wächst sie nicht an beliebigen Orten. Die Alpenrose zieht kleine Tälchen und leicht gewelltes Gelände vor, denn sie braucht eine gute Schicht Schnee, um sich vor den Winterfrösten zu schützen. An solchen Orten, im Moos versteckt, entdeckt man das Kleine Zweiblatt, eine zierliche, unauffällige Orchidee; vielleicht sogar das Moosglöckchen, eine eher seltene Art mit fahlem Blütenkelch. Schliesslich sei noch die Schweizer-Weide erwähnt, kenntlich an ihren fahlgrünen Blättern und der grosszügigen Bildung von Baumwollbäuschchen, in denen die winzigen Samen stecken. Dieser 1-1,5 m hohe Strauch bildet dort ein dichtes Gestrüpp, wo die Schneemassen seit eh und je das Wachsen eines eigentlichen Waldes vermutlich vereitelten.

Tafel XV

Wiki-D p101-150-image - 0043-1.jpg

Arven- und Lärchenwälder

1. Der Wald von Moosalp ob Visp - Nach Zeiten der Nutzung regeneriert die Arve gern im lichten Schatten der Lärche. Ihre Samen werden vom Tannenhäher verstreut. Das Unterholz ist mit Heidelbeeren (orange) und Büschen des Zwerg-Wacholders bewachsen (grau-grün).

2. Erika-Heide - Von den Grautönen der Flechten heben sich die herbstlichen Farben der Alpen-Bärentraube (rot), der Heidelbeere (gelb-orange), der Moorbeere (fahl-grün) und der Krähenbeere ab (kleine, nadeiförmige Blätter).

3. Lärchenblüten - Oben die weibliche Blüte, aus der sich der Zapfen bilden wird. Unten die männlichen Kätzchen. Nach der Pollenabgabe fallen sie ab.

4. Schnitt durch einen subalpinen Boden in Aroila - Dieser für einen Arvenwald typische, Podsol genannte Boden besteht aus einer dicken, sauren Humusschicht (A1), einer aschgrauen Schicht (A2) und einer durch das Eisenoxyd ockerfarben getönten Schicht (BFe).

Abb. 72 - Arvenwald oberhalb SaintLuc. Zwergwacholder-Heide, junge Arven und Lärchen nehmen allmählich von einer verlassenen Alpweide Besitz.

Der Zwergwacholder-Arvenwald (Abb. 72) wächst an trockenen Sonnenhängen, an den gut exponierten Hängen von St-Luc oder Aletsch. Unter solchen Bedingungen wird die Alpenrosen-Vegetation von der des Zwerg-Wacholders abgelöst, in welcher Bärentraube und manchmal auch Besenheide gedeihen. Der Wacholder, der auf den kollinen und montanen Stufen aufrecht wächst, schmiegt sich hier dem Boden in runden, kaum 20-40 cm hohen Horsten an. Diese Zwergform wird von der Dicke der schützenden Schneeschicht bestimmt. Die Horste bieten ihrerseits anderen ziemlich nohen Pflanzen wie dem Blauen Eisenhut Schutz. An sonnigen Felspartien gedeiht als typische Art die Gewöhnliche Steinmispel. An einem derartigen Standort bildet die Arve lichte, kümmerliche Bestände fast ohne Lärchen, wie dies am Südosthang des Riederhorns im Aletschgebiet der Fall ist.

Lärchenwälder

In einem natürlichen Lebensraum bildet die Lärche dort reine Bestände, wo für sie optimale Wachstumsbedingungen herrschen: das sind Moränen, Schwemmland, Geröllhalden im Innern der linksufrigen Seitentäler der Rhone. Anderswo, auf den mit Bäumen bewachsenen Alpweiden oder an den Südhängen des Simplons, sind reine Bestände das Ergebnis menschlicher Eingriffe, die Lärche wird, zum Nachteil der Fichte, die mehr Schatten spendet, durch Ausmerzen der letzteren begünstigt. Dank ihres lichten Unterholzes behält die Lärche die Flora der Alpweiden und ermöglicht in trockenen Gegenden einen Mehrertrag an Grünfutter. Doch sind Wachstum und Verjüngung erschwert, wenn der Boden durch Viehtritt verhärtet wird. Wie wir gesehen haben, begegnet man der Lärche meist in Mischwäldern in Gesellschaft von Fichte und Arve. Sie kann sogar Seite an Seite mit der Waldföhre wachsen, wie am Catogne, in Chandolin oder in Visperterminen.

Der Aletschwald

Abb. 74 - Der Arvenwald im Aletschreservat. Der um die Mitte des letzten Jahrhunderts vom Gletscher erreichte Höchststand ist in der Landschaft gut auszumachen. Die durch den Rückzug des Eises freigelassenen Zonen werden von Junglärchen kolonisiert (unten links), während der gegenüberliegende Hang weitgehend baumfrei geblieben ist, da er als Schafweide benutzt wird.

Die Landschaft am Aletschgletscher hat etwas Aussergewöhnliches (Abb. 74), nicht bloss des Gletschers - der längste der Alpen auch ihres Arvenwaldes wegen. 1933 wurde ein Vertrag abgeschlossen um 245 ha am südlich des Gletschers gelegenen Hang unter Schutz zu stellen. Die anno 1850 vom damals wachsenden Gletscher gebildete Seitenmoräne trennt das Schongebiet in zwei völlig verschiedene Welten: unten, in der Nähe der Gletscherzunge, junge Böden, von einer sehr offenen, aus niedrigem Pflanzenwuchs und zahlreichen kleinen Bäumen - von Zitter-Pappeln, Birken und Waldföhren begleitete Lärchen und Fichten — bestehenden Pioniervegetation überwachsen; oben der alte Arvenwald mit seinen teilweise tausendjährigen, von Wind und Wetter geprägten, sich mit ihren mächtigen Wurzeln wie Tintenfische im Boden festkrallenden Bäumen. Der Alpenrosen-Arvenwald bedeckt zwei Drittel des Reservates. Ein Urwald ist er jedoch nicht, sprechen doch Dokumente aus dem 15. Jahrhundert schon von einer damaligen Nutzung. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Wald intensiv genutzt und beweidet. Doch die grossen, knorrigen Bäume blieben meist verschont. Seit seiner Gründung wurde das Reservat ein wichtiges Gebiet zur Erforschung der Entwicklung von Pionier- und ForstVegetation. Sämtliche Bäume von mehr als 4 cm Durchmesser wurden 1942, 1962 und 1982 gemessen. Man stellt fest, dass, seit die Nutzung eingestellt wurde, die kleinen Bäume sich stark vermehren und das Holzvolumen im Schnitt um 0,7 m3 pro Hektare und Jahr zunimmt, was allerdings gering ist, zieht man zum Vergleich die Werte aus dem Urwald von Derborence heran: 7-12 m3. Vergessen wir jedoch nicht, dass wir uns hier nahe der oberen Waldgrenze befinden und dass die Arve äusserst langsam wächst.

Siehe auch