Brunft der Gemsen

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Paarung von Gemsen.

Der Winter ist eine schwierige Periode, die nur jene Individuen überstehen, die in der Lage sind, dem Hunger zu widerstehen, indem sie ihren Nahrungsbedarf reduzieren oder von den Fettreserven zehren, die sie in der guten Jahreszeit anlegten. Erstaunlicherweise ist die Brunft der Gemsen und Steinböcke diesen Sparprinzipien gerade entgegengesetzt.

Im Oktober, zu Beginn der Brunft, stecken die Gemsen bereits im schwarzen Winterfell, aus dem die weissen Partien des Kopfes und die hellen Flecken der Schenkel hervorstechen. Die Entfärbung der Schenkel nimmt mit dem Alter zu, und die dominierenden Böcke verstärken sie noch, indem sie über ihre Schenkel urinieren!

Die Gemse hat sicher die anstrengendste Brunft unter unseren Huftieren. Von November bis Mitte Dezember, bei ausgesprochen harten Klimabedingungen, vertreiben die Böcke ihre Konkurrenten in langen, wilden Läufen. Ganz auf ihr Geschäft konzentriert, fressen diese Herren beinahe nichts mehr und magern beträchtlich ab. Denn sie verlieren bis zu 40% ihres Gewichtes. Nur diejenigen, deren Wachstum beendet ist (sechs Jahre und älter), haben genügend Erfahrung und Kraft, um diese Prüfung zu überstehen.

Die Brunft der Gemsen ist für die männliche Seite kräfteraubend, denn die Böcke setzen ihre ganze Energie ein, um der Vermehrung teilhaftig zu werden.

Die Jagd nach schönen Trophäen, welche die alten, bestgewachsenen Böcke zum Ziel hat, ermöglicht es den jungen Gemsen, an der Brunft teilzunehmen. Doch das bekommt ihnen nicht gut; von ihrer Liebesmüh erschöpft und unerfahren, überstehen sie den Winter schlecht. Wenn obendrein die alten Geissen von den Jägern vernachlässigt werden, verlängert ihre Anwesenheit die Brunft und verschlechtert die Lage der Böcke. Schliesslich wird die Population durch die sekundären Auswirkungen einer Jagd ohne ökologische Rücksichten dezimiert. Daher die — heute anerkannte — Notwendigkeit, auch junge und weibliche Tiere zu schiessen, um eine natürliche Alterspyramide zu schaffen.

Es ist sicherlich die beste Jahreszeit, um die wilden Verfolgungen durch die Böcke mit wehendem Nackenhaar auf dem vom ersten Frost gelbgefärbten Rasen oder das Liebesritual im ersten Schnee der Nordhänge zu verfolgen. Als ich den beeindruckenden Kämpfen in den Felsen unterhalb der Alp Etoile in Evolène beiwohnte, befürchtete ich ein schlimmes Ende für einen der Konkurrenten. Aber anstatt abzustürzen, rettete sich der Verfolgte in eine Felsenkluft und zeigte dem Verfolger das Hinterteil, das dieser mit wuchtigen Hornstössen beklopfte!

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