Brunft der Steinböcke

Aus Wikiwallis
Wechseln zu: Navigation, Suche
Diese zwei Steinböcke sind so in ihren Kampf verstrickt, dass sie sich nicht um ihren Absturz um ein Stockwerk kümmern.

Obwohl sie in späterer Jahreszeit stattfindet, ist die Brunft der Steinböcke zweifellos weniger erschöpfend. Sie findet in der Regel auf steilen, gut exponierten Hängen statt, wo der Schnee nicht hält. Deshalb kommt beispielsweise die Kolonie vom Rawyl im November nach Ehornettes oberhalb dem Stausee von Zeuzier. Selbst während der Brunft bewahrt der Steinbock seine Lässigkeit. Die alten Männchen haben die Rangfolge durch Kämpfe in der schönen Jahreszeit festgelegt und führen jedes ein Rudel Weibchen an, in welchem sie auch junge Böcke dulden, wenn sie die Hierarchie respektieren. Diese klare Situation macht lange und erschöpfende Kämpfe mitten im Winter unnötig.

Inhaltsverzeichnis

Ein Alter der Alten...

Gemsen sind im ganzen Wallis verbreitet, von der Furka bis zu den Cornettes de Bises und zwischen 500 und 3500 m ü. M. Seit 1988 schwankt der Bestand im Kanton um die 14'000 Individuen; davon befinden sich etwa drei Viertel in Jagdbannbezirken, wo ihre Dichte zu Problemen von Degeneration und Seuchen führen konnte, solange ein grosser Räuber fehlte. Die Anwesenheit kleiner Rudel längs den Hängen des Haupttals, etwa bei Réchy, Vex, Riddes, Leytron oder auch Martigny, deuten die Lage kantonaler Schutzgebiete an. Auch im Gebirge kann man den Stand des Schutzes aus der Fülle der Gemsen ableiten: rechtes Ufer der Dala, Moiry, Cotter im Eringtal, Combe de l'A, ArsHänge im Ferret-Tal, um nur einige Orte zu nennen, wo man bestimmt Gemsen antreffen kann.

Schneemangel oder keine Störungen bestimmt die im Winter belegten Zonen, sei es im Zentrum eines Schutzgebietes oder an den windumbrausten Hängen Bourg-St-Pierre gegenüber oder im von Felsen durchsetzten Wald unterhalb von Sorebois bei Zinal oder an deren Rändern wie auf den Wiesen von Roc-Cornet in Drance oder auf der trockenen Krete von Ala bei Evolène oder sogar ganz klar ausserhalb des Reservates wie auf der Bella Tola oberhalb von St. Luc oder in Ortsiva oberhalb von Pinsec. Einige Gemsen leben auf hohen, windigen Gräten: le Châtelet oberhalb von Orsières, Pointe-Masserey oberhalb von St. Martin, Pointe du Tsaté oberhalb von Evolène.

Im Gegensatz zu dem, was man beim Steinbock (der praktisch nicht bejagt wird) beobachtet, sind Gemspopulationen ausserhalb der Reservate, selbst in günstigen Biotopen, sozusagen inexistent. Das zeigt ihre Seltenheit an den Hängen von Fully oder ihr fast völliges Verschwinden neueren Datums bei Châtelard in Icogne durch den Druck unzulässiger Jagd.

Um den Weibchen den Hof zu machen, nimmt der Steinbock eine ganz besondere Haltung ein: er biegt den Kopf nach hinten, presst die Hörner an die Flanken und legt den Schwanz auf den Rücken. Dieser hier zeigt mit allen seinen Sinnen — aufgerissene Augen, nach vorn gerichtete Ohren, weit geöffnete Nasenlöcher, heraushängende Zunge — sein Interesse an einer jungen Geiss, welche die Unbeteiligte spielt.
Wiki-D Fauna p201-280-image - 0031-1.jpg

...und ein verlorener Sohn

Wie sich das Steinbock-Zeichen des Schweizerischen Bundes für Naturschutz im Lauf der Zeit veränderte.

Der letzte helvetische Steinbock war längst tot, als sein Schutz im Eidgenössischen Jagdgesetz von 1875 festgeschrieben wurde. Selbst Schutzmassnahmen, die im Wallis seit 1556 unternommen wurden, konnten sein Verschwinden nicht hemmen, was man — im Rückblick — durch ein Zusammentreffen ungünstiger Faktoren erklären könnte: Erfindung des Gewehrs, Unwissenheit, Überbevölkerung der Menschen in den Alpen und zutrauliches Verhalten der Steinböcke.

Durch sein stattliches Aussehen nährte der Steinbock die Mythen: ist er nicht häufig dargestellt auf steinzeitlichen Gravuren, erscheint er nicht im Wappen Graubündens? Aber es war sein therapeutischer Ruf, der verhängnisvoll war: er wurde seiner Hörner wegen ohne Unterlass verfolgt, weil diese, gemahlen, angeblich wirkungsvoll sein sollten gegen Kolik und Vergiftung; seines Blutes wegen, das steinlösend sein sollte; seines Herzens wegen, das ein Stärkungsmittel sein sollte usw. Schliesslich hat auch sein Verhalten die Aufgabe des Jägers erleichtert: standorttreu, sich im Winter in schneefreien Gebieten aufhaltend, stets die Ruhe selbst, war der Steinbock eine leichte Beute.

Heute erscheint es uns befremdlich, dass die Vorkämpfer für die Wiedereinsetzung des Steinbocks anfänglich Kreuzungen von Hausziegen mit Steinböcken laufen liessen. Nun muss man allerdings sagen, dass sie fast keine andere Wahl hatten: der Weltbestand an Steinböcken betrug etwa deren sechzig, alle im königlichen Reservat am Gran Paradiso, und der König von Italien verweigerte einen Beitrag zum Wiedereinsetzungsprogramm. Sodann hatten die zoologischen Gärten — damals nur eine Tierschau - noch nicht begonnen, die Erhaltung seltener Arten über die Zucht zu fördern. Der Mangel an Steinböcken, seine Verwandtschaft mit der Ziege und fehlende ökologische Kenntnisse hatten zum Versuch, einen Bastard auszusetzen, geführt. Wenn auch die in Gefangenschaft geglückte Vermehrung zur Auffassung führte, Steinbock und Ziege gehörten zu ein und derselben Art, hat das Resultat der Aussetzung doch gezeigt, dass die Natur anderer Meinung war. Die Nachkommen dieser Kreuzung, physiologisch lebensfähig und fruchtbar, wurden im Winter geboren und überlebten in der Freiheit nicht.

Schliesslich lieferten waldensische Wilderer/Schmuggler zwischen 1906 und 1917 13 Steinböcke und 22 Steingeissen an den Tierpark Peter und Paul in St. Gallen, gegen klingende Münze, versteht sich. Von da an ging es ganz schnell: erste Geburt 1909 und erstes Freilassen 1911 an den Grauen Hörnern (SG).

Glücklicherweise hat der Mangel an theoretischen Kenntnissen den Erfolg dieser Weltpremiere nicht verhindert. Weil die Jagd Ursache des Rückganges gewesen war, genügte es, diese zu verbieten, um die günstigen Verhältnisse wiederherzustellen, ohne den Standort schaffen zu müssen. Die Tiere stammten von Vorfahren ab, die den Lebensbedingungen bestens angepasst waren. Die Anzahl nahm rasch zu und ermöglichte weitere Aussetzungen. Die wenigen Fehler, die durch Einsetzen in ungeeigneten Gebieten gemacht wurden, haben die Steinböcke selbst korrigiert, indem sie zum Beispiel den Crêt-du-Midi oberhalb von Vercorin eine Woche nach ihrer Freilassung verliessen und nach Bréonna oberhalb von Evolène zogen. Es bleibt das genetische Problem: die 31000 Steinböcke, die 1993 den ganzen Alpenraum bewohnten, wurden alle aus einem kleinen Reststamm geboren: welch ein Verlust an genetischer Vielfalt!

Der Steinbock im Wallis

Steinbockhörner

Die Wiedereroberung des Wallis begann 1928 mit der Freisetzung zweier Böcke und dreier Geissen im eidgenössischen Banngebiet des Mont-Pleureur. Zwei Verluste wurden 1929 durch neue Freilassungen ersetzt. Nach den ersten Geburten, die 1931 festgestellt wurden, fügte man 1933 und 1935 einige Steinböcke aus der Zucht hinzu. 1962, nach vielen Entnahmen für anderweitige Freisetzungen, zählte die Kolonie am Mont-Pleureur 600 Tiere, die auf den Höhen zwischen dem Val des Dix und dem Bagnes-Tal lebten. Nach diesem Erfolg wurden zwischen 1938 und 1943 achtmal Steinböcke ausgesetzt; im ganzen wurden 28 Tiere (25 aus der Zucht und drei am Augsmatthorn [BE] gefangen) im Joli-, Bietsch- und Baltschiedertal freigelassen.

1946 hat das Hotel Seiler in Zermatt ein Paar aus eigener Zucht freigesetzt und damit die Kolonie des Mattertals begründet, die durch offizielle Aussetzungen noch verstärkt wurde. Die vierte Walliser Kolonie wurde in Leukerbad gegründet. Acht Böcke und vier Geissen aus dem Mont-Pleureur-Reservat wurden zwischen 1956 und 1958 ausgesetzt.

Diese blühenden Kolonien lieferten zahlreiche Tiere für Wiedereinsetzungen in Osterreich, Frankreich und Bulgarien sowie zum Austausch mit verschiedenen Schweizer Kantonen. Heute dürfte der Steinbock alle ihm passenden Regionen des Wallis bewohnen. Ab 1988 überschritt der Bestand die Grenze von 4000 Tieren, verteilt auf 18 Kolonien, was den Abschuss von etwa 100 Steinböcken pro Jahr erlaubt.

Wiki-D Fauna p201-280-image - 0034-1.jpg

Die vergleichende Geschichte der Kolonien ist reich an Erkenntnissen. Überall wird das Wachstum durch die Aufnahmefähigkeit des Reviers begrenzt: wenn die Dichte zunimmt, zeigt die Vegetation Anzeichen von Übernutzung; das wirkt sich auf die Befindlichkeit der Tiere aus, und der Bestand stabilisiert sich. Dieses Basisschema wird von lokalen Bedingungen zusätzlich geprägt: in Bagnes und im Saastal war das anfängliche Wachstum viel stärker als im Äginatal, wo beschwerliche Verhältnisse im Winter eine hohe Sterbequote zur Folge hatten. Der Endbestand hängt von den verfügbaren Ressourcen ab: so kann die Kolonie am Catogne 100 Tiere nicht übersteigen, während diejenige von Leukerbad 200 und die vom Mont-Pleureur, die sich ins Val des Dix hinüber entwickelt hat, mindestens 600 erträgt.

1994 waren gewisse Kolonien immer noch im Wachstum begriffen. So bei Chamoson und Ardon, wo sich erst seit Ende der 80er Jahre Steinböcke im Winter am Sex-de-Gru aufhalten. Auch über Niedergampel ist die Überwinterung in der Wiederaufforstung der an der "Südrampe" abgebrannten Wälder neu. Hier könnten Reduktionsabschüsse zum Schutz der Aufforstungen nötig werden. Andernorts geht es um philosophische Fragen: soll man den Wolf einführen, sollen sich die Bestände sägezahnartig entwickeln unter dem Einfluss von Krankheiten und Hunger oder soll man anstelle der Raubtiere eingreifen ?

Der Steinbock wandert wenig und hätte das Wallis nicht so schnell zurückerobert, wenn nicht eine dynamische Politik von Einfangen und Freilassen ausgeübt worden wäre. Diese Standortstreue, verbunden mit den ökologischen Anforderungen des Steinbocks, der sich kaum auf den Grund der Täler begibt, erklärt die Struktur der Kolonien, die in den Penninischen Alpen gut voneinander getrennt sind. Gegenüber auf den wenig vergletscherten, von Kalkfelswänden zerschnittenen Hochebenen der Berner Alpen haben sich viel eher verbundene Kolonien von den Dents-de-Morcles zum Aletschgletscher hin entwickeln können.

Siehe auch