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Gute...

Kopf eines Steinbocks

Jedermann kennt die kürzlich erfolgte Wiederkehr des Bartgeiers und des Luchses. Man erinnert sich noch an die Aussetzung des Bibers um 1970, aber viele wissen nicht, wie schwierig die Lage zu Beginn des Jahrhunderts für Gemse, Reh und Murmeltier war oder verkennen die Geschichte von Steinbock und Hirsch, die in der Schweiz völlig verschwunden waren. Die erfreulichen Entwicklungen wie die Zunahme der Bestände bei Steinadler, Graureiher und Kormoran haben sich durch weniger intensive Bejagung ergeben.

Die noch zögerliche Zunahme von Wanderfalke, Uhu und einigen Fledermäusen ist auf das Verschwinden des DDT zurückzuführen. Dieses Insektizid, das in grossen Mengen auf die Felder gestreut und ins Holz alter Dachstöcke versprüht wurde, verliert nach und nach seine fürchterliche Wirksamkeit.

Immer setzt der Erfolg der natürlichen Wiederkehr oder der Aussetzung voraus, dass die Biotope, die vorübergehend unbesetzt waren, immer noch genügend gross und von Qualität sind. Würde er verschmutzte Gewässer nicht aushalten, könnte der Biber im Wallis kaum Unterschlupf finden. Dieses "Sumpfgespenst", dieses mythische Tier des hohen Nordens, kann sich mit einem gewöhnlichen Entwässerungsgraben begnügen, um etwas Traumleben in unsere geometrische Ebene zu bringen. Doch er muss fressen. Wenig zwar: Weiden, Pappeln, Rohrkolben. Seine Wiederkehr wurde 1973 durch ein Einsetzen in Pouta-Fontana ermöglicht; doch heute wird er dank Motorsägen und Schälmaschinen in einem engen Ghetto gehalten. Wie intolerant sind wir doch, wenn wir Unterhalt und Pflege der Kanäle und Rhoneufer nicht den Ansprüchen dieses bescheidenen Nagers anpassen!

Wegen seines Gehörnes ist der Steinbock ebenso berühmt wie das Nashorn in Afrika; trotzdem ist er beinahe ausgestorben. Dank dem Egoismus eines grossen Jägers, König Viktor-Emmanuel, haben wir heute das Vergnügen, dieses prächtige Tier bewundern zu können: zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte der Alpen-Steinbock nur noch im privaten Jagdgebiet des Königs von Italien, dem heutigen Nationalpark von Gran Paradiso. Alle heute lebenden Steinböcke sind Nachkommen dieser kleinen Herde von 60 Tieren.

Der Hirsch, der bei uns auch verschwunden war, ist von alleine aus den Wäldern des Tirols, wo er überlebt hatte, zurückgekehrt. Ohne Zweifel war es der Schweizer Nationalpark, der ihm half, die ersten Populationen in der Schweiz zu bilden. Im Wallis führten hingegen Jäger nach 1928 deutsche Hirsche ins Ferrettal ein, während der Schweizerische Bund für Naturschutz 1934 im Aletschwald Karpathen-Hirsche aussetzte.

Bartgeier

Der Bartgeier, der grösste Alpenvogel, den es gibt, ist ein Aasfresser, dessen Nahrung vorwiegend aus Knochen besteht. Darum ist seine Dichte beschränkt: jedes Paar benötigt durchschnittlich 200 bis 300 km2 Lebensraum. Sein schlechter Ruf, seine Seltenheit und seine zutrauliche Natur haben ihn in den Alpen zum Verschwinden verdammt: Die letzten Bartgeier sind zwischen 1880 und 1891 im Oberwallis vergiftet oder abgeschossen worden. Zum Glück überlebte diese Vogelart in Asien, Griechenland, in den Pyrenäen, auf Korsika und in Afrika. Seit seinem Verschwinden in den Alpen haben sich Auffassungen und Wildbestände so günstig entwickelt, dass im Rahmen eines internationalen Programmes bereits mehr als 50 in Gefangenschaft geborene Vögel im Alpenbogen ausgesetzt werden konnten. Man wartet ungeduldig auf die ersten Geburten in der Freiheit.

...und weniger gute

Nicht alle verschwundenen Arten werden ihr verlorenes Gelände wieder besetzen können. Das ist der Fall für das Braunkehlchen (oben), das an Graslandschaften gebunden ist. Der Wendehals (unten) dagegen brütet wieder in der Ebene von Riddes, nachdem Nistkästen aufgestellt und der Gebrauch von Pestiziden eingeschränkt worden waren.

Überfluss lässt sich selten teilen: zu allen Zeiten waren Arten mit reduzierten Beständen häufiger als solche mit reichlichen. Im Kanton Zürich schätzt man, dass die 25 häufigsten Vogelarten etwa 530'000 Paare zählen, wogegen die restlichen 110 Arten insgesamt 50 '000 Paare kaum übersteigen.Es leuchtet demnach ein, dass die seltenen Arten überall vorkommen, aber gleichzeitig gefährdet sind. So leben die endemischen Arten wie Erebia Christi, ein kleiner Falter, dessen Weltbevölkerung in nur zwei Tälern anzutreffen ist, stets bloss auf Bewährung. Das Gleiche lässt sich von einigen Walliser Paaren der Orpheusgrasmücke, der Sperbergrasmücke und des Brachpiepers sagen, die bei uns die Grenze ihres Vorkommens erreicht haben. Diese lokalen Raritäten tragen viel zum Tierreichtum im Wallis bei. Die räumliche Enge schränkt die Bestände des Steinadlers und des Luchses ein; obwohl im ganzen Kanton verbreitet, sind sie nicht sehr zahlreich und unsinnigen Abschüssen gegenüber umso empfindlicher, als sie fast ausschliesslich innerhalb der Alpen vorkommen. Eine andere Situation: unsere Wasservögel müssen sich mit den kläglichen Resten ehemals ausgedehnter Sümpfe begnügen.

Die Knappheit, welche Populationen so empfindlich macht, hat viele Giünde, natürliche oder künstliche, annehmbare oder zerstörerische. Ein plötzlicher und offensichtlicher Rückgang von Pflanzen und Tierarten führte zur Erstellung der roten Listen vom Verschwinden bedrohter Arten. Diese Listen widerspiegeln die tragische Beschleunigung der Geschichte in den "goldenen 30 Jahren" des Wirtschaftswunders nach 1960. Die in den roten Listen eingetragenen Arten sind wichtige Indikatoren des Wertes von Biotopen. Die Bewohner der Wälder haben stabile Bestände; diejenigen der Sümpfe weisen einen hohen Prozentsatz selten gewordener Arten auf. Daraus geht die Wirkung des strikten Schutzes der Wälder und der systematischen Zerstörung der Feuchtgebiete hervor. Die Überraschung liegt in der dramatischen Entwicklung der Fauna des Kulturlandes: ein grosser Teil der Arten ist erst kürzlich aus der Schweiz verschwunden; eine etwa gleich grosse Anzahl befindet sich in allgemeinem Rückgang und ist vom Aussterben bedroht. Im Kanton Zürich sind die Vögel in den Städten zahlreicher als die auf dem Lande... Dafür ist nicht die Jagd verantwortlich - alle diese Rückgänge sind durch die staatlich subventionierte Zerstörung ihres Lebensraumes, des landwirtschaftlichen Geländes, bedingt.

Landwirtschaftliche Veränderungen haben den Bestand an Feldhasen weit mehr verkleinert als die beeindruckenden Jagdziffern aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Güterzusammenlegungen, Ausrottung von Hecken, Mähen von Kanalböschungen und anderen unproduktiven Arealen, die Schaffung eines sehr dichten Strassennetzes, der Einsatz von Chemie gegen "Unkräuter" und schliesslich das Verschwinden von Magerwiesen in geringer Höhenlage haben dem Feldhasen die Zufluchtsstätten geraubt, seinen Speisezettel beschränkt und gleichzeitig neue Todesfaktoren wie Unglücksfälle und Vergiftungen gebracht. Gewiss ist die von der Landwirtschaft erzeugte Biomasse grösser als früher, aus der Sicht des Hasen hat die Qualität aber abgenomen: da er an seinen Standort gebunden ist, verfügt er nicht mehr über den vielfältigen Reichtum, der es ihm ermöglichte, seine Nahrung zu variieren, ohne grosse Verschiebungen vornehmen zu müssen. Überflüssigerweise sind es gerade jene Pflanzen, die er am meisten schätzte, welche die grösste Dosis Herbizide abbekommen: Koliken sind garantiert! Auch die Ausdehnung der Bauzonen und die Vergandung der Felder an den Hängen über den Rebbergen haben sicher zu diesem Prozess der Entwertung der für ihn nützlichen Restgebiete beigetragen. Der Rückgang des Feldhasen in der Rhoneebene könnte gebremst werden, wenn man an den Böschungen der Kanäle etwas Schilf, um die Sockel der Starkstrommasten Gestrüpp und in den Gemüsegärten ein wenig Unkraut stehenliesse.

Güterzusammenlegungen, Eindämmung von Bächen, die Beseitigung aller Hindernisse für Mechanisierungen, die Düngung der Wiesen und der Einsatz von Insektiziden in Baumgärten haben den Neuntöter aus der Ebene und den Rebbergen vertrieben, weil ihm Nistplätze, Sitzstangen und Nahrung geraubt wurden. Heute geht er auch im Berggebiet zurück wegen den Bodenverbesserungen, den Brachen und Ferienhaussiedelungen.

Simultanstudien unter Populationen von Riddes und Bagnes ergaben unterschiedliche Resultate in den beiden Gebieten, die mit der landwirtschaftlichen Nutzung zusammenhingen. Am Fuss des Talhanges von Riddes, wo vor 20 Jahren noch 45 Paare nisteten, waren es 1991 nur noch fünf und - Gipfel der Ironie - alle überlebten rings um die Schaltanlage des Elektrizitätswerkes von Ecône, wo noch die letzte Blumenwiese mit Schmetterlingen vorhanden ist! In der gleichen Beobachtungsperiode stieg die Anzahl Paare im untersuchten Gelände des Bagnes-Tales von zehn auf zwölf. Denn dort wurde ein grosses Buschgebiet rekultiviert und eröffnete so dem kleinen Raubvogel neuen Raum. Weil aber die Aufbesserung übertrieben war, ist ein Teil der neuen Paare bereits wieder verschwunden.

Der grösste Teil der Walliser Turmfalken-Population bewohnte früher die zahlreichen Felswände und Schluchten am Rand der Rhoneebene, wo ideale klimatische und ernährungsmässige Bedingungen das Leben richtiger Kolonien ermöglichten. Es waren schöne Momente, Ende Juni den Einbruch der Nacht am Fusse der Felsen zu erwarten, wo sich Dutzende junger Falken tummelten, ganz aufgeregt angesichts eines Alten, der eine Eidechse oder eine Wühlmaus brachte. Welche Kämpfe, welche Schreie! Durch die stürmischen hungrigen Jungen von der Beute befreit, flog der Alte zu den Jagdgebieten zurück. Seit 1960 hat der Rückgang der Naturwiesen in der Ebene und an den Hängen diese um ihre Beute geprellte Population arg dezimiert. Fortan bleiben nur noch die vergilbenden Kotspuren übrig und kennzeichnen die Standorte der verlassenen Horste bei Riddes, Aproz usw. Zwischen 1970 und 1980 hat die Kolonie von Valeria und Tourbillon vier von fünf Paaren verloren, die in der Ebene von Champsec jagten; diejenige von Chamoson wurde Opfer von Bodenverbesserungen, Bauten und Erweiterungen des Rebberges und ging von sieben Paaren auf eines zurück; in Bex verschwanden mit den Wiesen ebenfalls sechs von sieben brütenden Paaren. Michel Desfayes notierte bereits 1966, dass die Kolonie von Saillon vier ihrer fünf Paare verloren hatte!

Alter Weg in Pfyn.

Die 1994 am Rande der Ebene noch besetzten Horste bestätigen, dass landwirtschaftliche Veränderungen und immer mehr Bauten für ihr Schicksal verantwortlich sind: die Schluchten der Lizerne oder die Felsen von Ardévaz, die Wände von Chiboz oder jene von Follatères liegen alle nahe bei Trockenhängen, die noch reich sind an Reptilien. Der Bau der Autobahn, mit deren unbearbeiteten Wiesenböschungen, die von Wühlmäusen besiedelt sind, hat lokal einige neue Jagdgründe gebracht, die sehr rasch von diesen Paaren ausgenützt wurden. Die Bepfianzung der Böschungen mit Bäumen dürfte indes bewirken, dass dieser Beitrag nur vorübergehend ist.

Im ganzen Mittelwallis war in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die Zwergohreule noch heimisch. Diese Eule mit Flügeln eines Langstreckenflugzeuges, 55 cm Spannweite für nur 90 gr Gewicht, verschwand nach 1960 aus Ebene und Hangfuss, die beide durch Bauten, Strassen und Veränderungen in der Landwirtschaft verunstaltet waren. Im folgenden Jahrzehnt ging sie auch in den mittleren Berglagen zurück, bedingt durch die Chaletbauten mit ihrer unsäglichen Trilogie Rasen-Thuyahecken-Lupinen. Ausser in der Region von Grimisuat, Arbaz und Ayent werden ihre melancholischen Rufe in warmen Mai- und Juninächten nunmehr der Vergangenheit angehören.

Beim aufmerksamen Zuhören kann man feststellen, dass die Amphibien in unseren Kanälen nicht mehr jene der Tümpel und Weiher früherer Zeiten sind. Erdkröte und Grasfrosch, die nur ins Wasser gehen, um zu laichen, und ihr Leben an Land verbringen, wo sie Insekten auf Wiesen und in Wäldern jagen, sind aus der Rhoneebene praktisch verschwunden. Sogar die alten Weiher sind leer: in Vernayaz, Ardon und Pouta-Fontana sind die Populationen eingegangen, weil mit den Wiesen auch ihre Beutetiere gewichen sind.

Siehe auch