Eine dynamische Gruppe

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Ein Männchen der Gebänderten Prachtlibelle auf seinem Beobachtungsposten am Ufer des Kanals von Lalden. Ob es wohl sein sechstes Bein während eines Territorialkampfes mit einem Konkurrenten verloren hat?

Der 1987 veröffentlichte "Verbreitungsatlas der Libellen der Schweiz" nennt auf dem Blatt über die Verteilung der Libellen aufgrund alter Informationen und Untersuchungen 44 Arten im Wallis. Christian Keim hat mehrere neue Arten entdeckt: die Zweigestreifte Quelljungfer (an unbedeutenden Bächlein), die Kleine Zangenlibelle (an den Ufern des Genfersees), die Gefleckte Heidelibelle (in der Region von Morgins), die Schabrakenlibelle und der Östlichen Blaupfeil, zwei Wanderarten, die sich in Le Verney vermehrten, und am selben Ort die Kleine Binsenjungfer. Auch zu erwähnen ist die Wiederentdeckung von fünf Arten, die am Ende des vergangenen Jahrhunderts im Wallis vorkamen, wie die Sammlungen im Kantonalen Naturhistorischen Museum zeigen: die Gefleckte und die Glänzende Smaragdlibelle, die Sumpfheidelibelle, der Südliche Blaupfeil und die Westliche Keiljungfer. Kaum (wieder-)entdeckt, gehören diese Arten zu den meistgefährdeten. Sicher hat ihr seltenes Vorkommen bewirkt, dass sie bei früheren Erforschungen übersehen wurden.

Eine solche systematische Erforschung hat auch zur Entdeckung bisher unbeachteter Populationen an Weihern fernab jeder Strasse geführt. Das ist der Fall bei der Glänzenden Binsenjungfer in zwei kleinen Waldsümpfen auf mehr als 1400 m ü. M. und der alpinen Arten wie der Arktischen Smaragdlibelle.Dieses schöne Resultat ergibt sich aus der Vielfalt unserer seltenen Feuchtgebiete. Das kontinentale Klima ist der Grund für das Vorkommen der Sibirischen Winterlibelle, einer Art, die ähnlich verteilt ist wie der Frühlingsadonis und deren schweizerische Populationen auf die Rhoneebene im Wallis beschränkt sind. Mehrere boreo-alpine Arten bewohnen unsere Sümpfe (Flesch, Moosalpe, Arpille usw.) und unsere kleinen Bergseen (Morgins, Derborence, Essertes usw.): die Speer-Azurjungfer, die AlpenMosaikjungfer, die Arktische Smaragdlibelle, die Alpen-Smaragdlibelle und die Kleine Moosjungfer erreichen im Wallis europäische Höhenrekorde. An dieser Stelle muss auch die Hochmoor-Mosaikjungfer erwähnt werden, die erst 1976 in der Schweiz entdeckt, im Wallis aber bisher nicht gesehen wurde.

Torfmosaikjungfer, die soeben aus ihrer Puppenhülle geschlüpft ist, hält sich an Binsen fest. Die ausgebreiteten Flügel trocknen, während der Hinterleib seine endgültige Form annimmt. Die leuchtenden Farben werden sich erst nach einer bis zwei Wochen Vagabundenlebens einstellen.

Die thermischen Bedingungen bewirken, dass in den Weihern und Sümpfen der Pvhoneebene und an den unteren Sonnenhängen die grösste Anzahl von Arten zu Hause ist. Doch keine zwei Vorkommen gleichen sich: hier beherbergt ein Torfmoor Moosjungfern, die an saures Wasser gewohnt sind; dort legen Granataugen ihre Eier in einen Gürtel aus Seerosen oder Laichkrautgewächsen; andernorts ist es die Weidenjungfer, die ihre Eier auf die Zweige einer Weide über dem Wasser legt; ein sauberer, schattiger Bach wird von einer Prachtlibelle besucht.Pfyn mit seinen vielen Weihern und dem noch sauberen Bach beherbergt 28 Arten; davon gibt es zwei, die hier ihren einzigen Aufenthaltsort im Wallis gefunden haben. Und eine davon, die Ostliche Moosjungfer, ist sogar europaweit äusserst selten. Ein anderer Spitzenort ist Le Verney bei Martigny mit mehr als 30 Arten, wovon eine für das Wallis nur hier gefunden wurde. Beide Landschaften mit insgesamt 58 Arten schliessen drei Viertel aller Walliser Libellen ein.

Die künstlichen Weiher, die Hochplateauseen von Montana mit ihren gepflegten Ufern, die Kiesgruben mit einförmigen Böschungen und die Kanäle, deren Ränder gemäht werden, sind verlassen, und Pionierarten dringen nur ganz selten ein. Sogar das Naturschutzgebiet von Pouta-Fontana ist arm an Libellen, weil das kalte, schlammige und verunreinigte Wasser den Wasserinsekten nicht behagt.

Die ungeheure Flugkraft, verbunden mit ruhelosem Wandertrieb waren Ursachen für das massenhafte Auftreten der mediterranen Schabrakenlibelle im Sommer 1989. Die gleichen Gründe sprechen für die Allgegenwart des Grossen Blaupfeils und der Plattbauchlibelle, die jede Wasserfläche besiedeln können, selbst vegetationslose (Kiesgruben, Gartenweiher). Ebenso bewirkt die grosse Mobilität eine rasche Entwicklung neuer Populationen auf Autobahnweihern. Aber nicht alle Arten sind so dynamisch: die Bindungen der Östlichen Moosjungfer, der Spitzenfleck-Libelle und der Blau-flügel-Prachtlibelle an Pfyn sowie der Gebänderten Prachtlibelle an den Kanal von Lalden beweisen, wie wichtig unersetzliche Biotope sind. Die thermisch gesehen günstigste Region, die Ebene, ist auch die, welche den grössten Verlust an Sümpfen erlitten hat. Auf zwei anspruchsvolle Arten, die überlebt haben, sind viele spurlos verschwunden.

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