Geschichtlicher Abriss

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Drei Arten von Apollofaltern bewohnen das Wallis: der Schwarze Apollo, Gast des Lerchensporns, lebt auf gewissen Mähwiesen zwischen 1000 und 1500 m ü. M.; in den Trockenzonen, von der Ebene bis auf 2000 m, begegnet man dem an Mauerpfeffer gewohnten Apollo; höher oben, auf den Alpweiden, streicht der Alpenapollo um den Trauben-Steinbrech längs den Bächen. Seine schwarze, dicke Raupe ist mit gelb-orangen Flecken betupft.

Die Anzahl Arten, die in einer bestimmten Region vorkommen, hängt von den momentanen Bedingungen und der Fruchtbarkeit ab. Aber auch die Vergangenheit spielt eine Rolle, entweder als Förderer der Artenvielfalt durch Kolonisationsvorgänge unter verschiedenen Klimaten oder im Gegenteil durch Auslöschungsvorgänge als begrenzender Faktor. Die Flora der Vergangenheit kennt man aufgrund fossiler Pollen. Insekten haben keine Spuren hinterlassen. Darum müssen wir ihre heutigen Verbreitungsgebiete unter Berücksichtigung ihrer ökologischen Anforderungen studieren. Eine zerstückelte Verteilung lässt eine chronologische Abfolge verschiedener Klimate vermuten, welche Kolonisationen ermöglichten und anschliessend Rückgänge auslösten, sodass isolierte Populationen in Gebieten mit Reliktklimabedingungen zurückblieben. Das sind allerdings hypothetische Annahmen. Im Wallis spielte die Eiszeit eine entscheidende Rolle: eine gewisse Anzahl Tiere und Pflanzen überlebten in den unvergletscherten Gebieten der Nunataks. Andere stammen ab von nordischen, orientalischen und lokalen Formen oder von solchen, die sich ins Mittelmeerbecken zurückgezogen hatten oder überhaupt Neuankömmlingen sind.

Die Klimaveränderungen seit dem Abschmelzen des Eispanzers lassen vermuten, dass Arten aus der zentraleuropäischen Tundra die Alpen umgangen haben und von Süden her eingedrungen sind. Umgekehrt, begünstigt durch die Erwärmung im Atlantikum, haben wärmeliebende Arten isolierte Populationen nördlich ihres gegenwärtigen Gebietes zurückgelassen. Heute kann man die verschiedenen Arten aufgrund ihrer ökologischen Anforderungen (bergliebend, wärmeliebend usw.) und ihrer weiteren oder engeren Verteilungsgebiete katalogisieren.

Das Wallis teilt mit den benachbarten Berggebieten eine Reihe spezieller Arten aus kalten Regionen, die in der Ebene fehlen. Es handelt sich um Orophile wie den Alpengelbling, der ein Tagfalter aus der oberen Waldgrenze ist, sowie die Grosse Höckerschrecke und den Gebirgsgrashüpfer, die auf den Wiesen der Maiensässe häufig vorkommen.

Gewisse Orophile sind ausschliesslich an die Alpenkette gebunden: sie sind die Alpenendemiten. Der Alpenapollo lebt an den Ufern der Wildbäche, wo auch die Wirtpflanze seiner Raupe, der Trauben-Steinbrech, steht. Zu Dutzenden längs Wegen fliegend oder um ein Wasserloch versammelt, trifft man Falter von sattbrauner Farbe, oft mit roten Flecken verziert: die Mohrenfalter. Der Kenner unterscheidet viele Arten, die sich stark gleichen: Erebia nivalis und Schillernder Mohrenfalter bewohnen vorwiegend die alpine Stufe, folgen aber gelegentlich den Wildbächen entlang abwärts; der Ähnliche Mohrenfalter und der Erebia montana ziehen die Waldränder und Lichtungen der subalpinen Stufe vor; der Blindpunktmohrenfalter schliesslich ist von der montanen Stufe bis zur alpinen Stufe zu sehen, genauso wie das Alpenwiesenvögelchen und der Gletscherfalter. Eine Heuschrecke mit Flügeln, die auf zwei kleine, gelbe Stummel reduziert sind, die Alpenschrecke, ist an den beiden Enden des Alpenbogens getrennt verteilt. Bis jetzt ist sie im Wallis im Val d'Illiez, an der Dents-de-Morcles und in Derborence angetroffen worden.

Die boreo-alpine Verteilung von Faltern wie Ähnlicher Perlmutterfalter, Milchfleck, Graubrauner Mohrenfalter, Pseudoaricia nicias oder Heller Alpenbläuling beruht zweifellos auf einem zeitgleichen Rückzug von Arten aus der Tundra in Richtung Norden und gegen die Alpen. Die Nordische Gebirgsschrecke ist auf die Berge Zentraleuropas wie die Tundren des Nordens verteilt. In die gleiche Gruppe gehören auch die Libellen der kleinen Alpenseen: Alpen- und Hochmoor-Mosaikjungfer, Alpen- und Arktische Smaragdlibelle. Da einige in Nordeuropa und in den Alpen lebende Tagfalter Reliktpopulationen in Zentraleuropa entsprechen, gewinnt diese Hypothese an Gewicht. Das ist der Fall beim Hochmoorgelbling, der in kleiner Anzahl auf Torffeldern wohnt, wo seine Wirtspflanze, die Rauschbeere, vorkommt. Ebenso beim Blauschillernden Feuerfalter, der an kühle, feuchte Wiesen gebunden ist und im Wallis nur im Val d'Illiez lebt oder lebte.

Plebicula escberi

Einige wärmeliebende Insekten nützten die Erwärmung im Atlantikum aus, um in die Alpen zu gelangen. In unseren Breitengraden ist es die den Trockengebieten entsprechende Verteilung der Atlantischen Bergschrecken, die eine Einwanderung durch den Rhonegraben vermuten lässt. Zahlreiche wärmeliebende Falter im Wallis wie der Felsenfalter, der aber vermutlich aus dem Kanton verschwunden ist, der Leinkraut-Scheckenfalter, der Eisenfarbige Samtfalter, der Kleine Alpenbläuling, der Blasenstrauchbläuling und Plebicula eschen leben in Zentraleuropa nur in den raren Trockenregionen des Aostatales, des Vintschgautales und des Jurafusses, wo sie aber nicht unbedingt vollzählig vorkommen. Man kann dieser Liste noch den Pieris mannii der auch im Südtessin lebt, und den Zahnflügel-Bläuling, der auch an einem Ort im Unterengadin vorkommt, anfügen.

Dass im Wallis weitere Insekten aus dem steppenartigen Milieu existieren, ist wahrscheinlich auf das kontinentale Klima zurückzuführen. Das ist der Fall bei der Grossen Sägeschrecke, einer dünnschenkeligen Heuschrecke, die nicht springen kann und von der man nur Weibchen kennt. Sie ist scheu und äusserst selten. In der Schweiz ist sie auf die Steppenweiden zwischen Branson und Saillon sowie auf die Frühlings-Adonishänge von Charrat und Saxon begrenzt. Kürzlich wurde sie in Graubünden gefunden. Sie lebt in einigen Reliktnischen in Südfrankreich, ist aber sehr verbreitet im Balkan und in Zentralanatolien. Andere Insekten sind so verteilt wie der Frühlingsadonis; so etwa die Sibirische Winterlibelle, der Schwarzfleckige Grashüpfer oder der Falter Spanischer Bläuling, der in drei verschiedenen Formen in Spanien, in den Alpen und auf dem Balkan vorkommt.

Diese Spezialfälle sollen nicht die Tatsache verschleiern, dass für viele Arten die Alpen nur einen kleinen Teil von einem geographisch riesigen Gebiet darstellen, das die Alte Welt (Falter: Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge, Kaisermantel, Baumweissling; Heuschrecken: Grünes Heupferd; Libellen: Gemeine Binsenjungfer) und sogar die gesamte Nördliche Hemisphäre (Falter: Schwalbenschwanz und Trauermantel; Libellen: Vierfleck-Libelle) umfasst. Diese Allgegenwärtigen belegen die ganze Schweiz und weichen nur extremen Orten — sehr trocken oder sehr kalt aus. Eine kleine Anzahl, wie der "Landkärtchen" genannte Falter, kommen talaufwärts nicht über St. Maurice hinaus.

Es wäre aber übertrieben, alles mit Klimazonen begründen zu wollen: ein kleiner Bläuling, Plebicula eschen genannt, der typisch ist für die lichten Kieferwälder des Wallis und Graubündens, überschreitet das Verbreitungsgebiet des Französischen-Tragants, der Nährpflanze seiner Raupe, nicht. In der Schweiz ist der Spanische Bläuling, der nur im Wallis lebt, an den Stengellosen Tragant gebunden. Das beweist die Wichtigkeit des floristischen Reichtums der Trockenhänge und Mähwiesen, der grossen Vielfalt der Wälder an unseren Hängen, der Stufenfolge der Vegetationsgürtel und der Blütenpracht alpiner Wiesen für diese bunte Schar von Insekten. Kein Apollofalter ohne Weisser Mauerpfeffer, kein Grosser Schillerfalter ohne Weiden und Pappeln, kein Blasenstrauchbläuling ohne die Pflanze, deren Namen er trägt. Zwar stellen Geradflügler und Libellen weniger hohe Ansprüche an die Flora, dennoch finden sich Lücken in ihrem Vorkommen, weil bestimmte Biotope fehlen — zum Teil erst vor kurzem zerstört.

Es darf angenommen werden, dass auch andere Insekten ihre ökologischen Ansprüche im Zentralwallis erfüllt finden könnten, doch ohne starke Erwärmung sind die Pässe, die das Pvhonetal umgeben, nicht zu überwinden. Das ist der Fall für mehrere Insekten des Piemonts und für mindestens je eine Grillen- und Heuschreckenart, deren westliche Verbreitungsgrenze im Engadin liegt: die Gefleckte Schnarrschrecke und das Ostliche Heupferd.

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