Insekten am Wege

Aus Wikiwallis
Wechseln zu: Navigation, Suche
Begattung beim Sandlaufkäfer. Das Männchen benützt seine starken Zangen, um sich festzuhalten.

Wenn man den Pfad, der nach Tourbillon führt, hinansteigt, einen aus gestampfter Erde bestehenden landwirtschaftlichen Weg am Hang von Chermignon begeht, den Sand der Pdione bei Pfyn oder der Borgne bei Combioula durchläuft oder auf einem Alppfad schreitet, bemerkt man oft kleine Löcher im Boden. Diese lassen sich nicht durch die Anwesenheit von Ameisen erklären. Es ist der Sandlaufkäfer, ein wahres Smaragdkleinod, der unter unsern Schritten flieht und als Ameisenräuber auf dem nackten Boden, vielerorts nur auf Wegen lebt. Sein Fluchtflug bringt ihn nicht sehr weit. Mit etwas Vorsicht und Aufmerksamkeit kann man dem Käfer folgen und ihm so nahe kommen, dass man seine kräftigen Kiefer sieht und den gefürchteten Töter daran erkennt. Seine Larve liegt versteckt in einem völlig runden, senkrechten Loch, ohne Erdhügel an der Öffnung und erwartet darin ihre Beute.

Larve eines Ameisenlöwen und seine Falle im Querschnitt

Ameisenlöwen haben im feinsten Sand, unter Grasziegeln, die an der Oberkante eines Abhanges ein vor Regen schützendes Vordach bilden, kleine Trichter gegraben. Das sind fürchterliche Fallen: wagt eine unvorsichtige Ameise den Rand des Trichters zu betreten, meldet ein Mini-Erdrutsch dies sofort der Larve, die ihrer zukünftigen Beute einen Sandstrahl entgegenschleudert. Die Ameise verliert den Halt, gleitet unaufhaltsam in den Trichter und wird mit einem tödlichen Biss umgebracht. Ich habe einer "Hinrichtung" beigewohnt, die länger als dreissig Minuten dauerte. Doch umsonst: der Ameisenlöwe wurde bei seinem Mordversuch gestört, weil der Wind ein Samenkorn in den Trichter blies. Verwirrt liess er seine Beute kurz los, um das Samenkorn anzugreifen. Da dieses aber kein Lebenszeichen von sich gab, wandte er sich wieder ab, schleuderte dem Korn noch ein paar Sandstrahlen nach, wodurch es wegbefördert wurde. Nun suchte er seine Ameise wieder, fand sie aber nicht mehr. Diese hätte - aus gutem Grunde - auch kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben.

Wegwespe transportiert eine Spinne, deren Beine sie zerschnitten hat.

Am Wegrand gräbt mit ständig bewegten, unaufhörlich zitternden Flügeln eine schwarze, gelegentlich rot verzierte Art Wespe ein Loch, fliegt weg, dreht rechts und links ab, stösst auf den Kadaver einer Spinne, packt ihn an einem Bein und schleppt ihn vor das frisch gegrabene Loch. Dort packt die Wespe den Kadaver an dessen Abdomen und verschwindet, rückwärts gehend, mit ihm unter der Erde. Am Eingang zum Loch schliessen sich die Beine der Spinne wie zu einem letzten, vergeblichen Gebet. Ohne den Fang beobachtet zu haben, dürfen wir annehmen, dass die Spinne gelähmt worden war, bevor die Wegwespe ihr Loch grub. Am Grunde des Lochs legt das Weibchen ein Ei auf die Beute, die gefressen wird, gelähmt zwar, aber lebend. Das ist eine Möglichkeit wie jede andere, um frisches Fleisch aufzubewahren. Die Löwen sind gelegentlich sehr zärtlich gegenüber den Insekten... Alle Wegwespen (in der Schweiz etwa 120 Arten) sind spezialisierte Räuber, deren Weibchen ihre Larven ausschliesslich mit Spinnen füttern, indem sie jeder eine einzige verabreichen.

Sandwespe, eine Raupe schleppend.
Heuschrecken-Grabwespe schafft eine grosse Westliche Beisssch recke weg, die sie vorher gelähmt hat.

Ein beeindruckendes Insekt, die Sandwespe, die mit ihrem stielförmigen Abdomen und ihren hängenden Beinen einem Transporthelikopter gleicht, schleppt ihre Beute nicht über den Boden hin, sondern trägt sie, wenn immer möglich, zwischen den Beinen durch die Luft. Im Gegensatz zu den Wegwespen graben Sandwespen und Grabwespen, die sich durch die Nervatur ihrer Flügel und die Auswahl der Beute voneinander unterscheiden, ihre Löcher, bevor sie jagen gehen, und zwar erstere auf Raupen, letztere auf Heuschrecken. Ein kreisförmiger Rekognoszierungsflug ermöglicht ihnen, die zuvor sorgfältig verschlossenen Löcher wieder zu finden. Gewisse Grabwespen legen ihre Eier in Holz oder in hohle Stengel. Sie sammeln mehrere gelähmte Beutetiere im Nest, bevor sie ein Ei darauflegen. Weil die Larven aufhören zu wachsen, sobald keine Nahrung mehr vorhanden ist, werden die am besten bedienten die grössten sein.

Die Kreiselwespe, eine in der Erde lebende Wespe, raubt fliegende Insekten, Bremsen und Schwebfliegen. Diese flinken Beutetiere lassen sich nicht lähmen und zwingen die gelb-schwarze Räuberin, ihren Larven stets frisches Futter vorzulegen; dabei wird die Grösse der Beute derjenigen der Larve angepasst. Um allfälligen Schmarotzern zuvorzukommen, schliesst die Kreiselwespe nach jeder Fütterung das ovale Eingangsloch zur in sandigen Boden gegrabenen Höhle sorgfältig ab.

Zwei Kreiselwespen am Eingang ihres Erdloches. Diese Wespe, die auf den Fang von Zweiflüglern spezialisiert ist, gräbt Erdlöcher, die bis zu einem halben Meter tief sein können.

Die Goldwespen, die metallisch grell grün, rot, blau und golden glänzen, sind fürchterliche, parasitäre, kleine Wespen, die, mit einem Legestachel ausgerüstet, ihre Eier immer in die Nester anderer Hautflügler legen. Sind Goldwespen beunruhigt, rollen sie sich zu Kugeln ein, sodass sie einem unwillkommenen Gast nur noch die gepanzerte Oberfläche darbieten.

Nicht alle grabenden Insekten sind Fleischfresser. Gewisse Wildbienen bilden kleine Kolonien: einmal öffnen sich die auf dem Wegboden zu Gruppen vereinigten Löcher wie kleine Vulkankrater; ein anderes Mal gleichen sie verkleinerten Murmeltierhöhlen.

Solche Brutkolonien können den Parasiten nicht gleichgültig sein. Inmitten pollenbeladen anfliegender Bienen schwebt an Ort ein behaarter, praller, mit langem Rüssel ausgestatteter Wollschweber. Plötzlich schleudert er sein Abdomen nach vorne, um ein Ei, ein einziges aufs Mal, auf den Boden zu werfen. Kaum geschlüpft, muss die Larve des Wollschweber den Weg zu ihrer Beute selbst suchen. In dieser Umgebung wird man auch das imposante Weibchen des schwarz-blauen Ölkäfers sehen. Ein Käfer, dessen kleine Deckflügel knapp einen Viertel bis einen Drittel seines prallen Hinterleibs abdecken und der deshalb aussieht wie eine Riesenameise. Dieser Käfer legt Tausende von Eiern in drei oder vier Löcher und überlässt seinen Larven die Sorge, auf eine Blume zu klettern und eines anfliegenden Insektes habhaft zu werden. Nur jene Larven, die eine Biene erhaschen, finden die ihnen angemessene Nahrung, denn der Ölkäfer entwickelt sich, indem er Honig isst.

Sind sie erwachsen, besuchen die im Boden lebenden Wespen, d.h. Sandwespen, Wegwespen, Heuschrecken-Grabwespen, Blumen ganz wie die Bienen. Sie sind deshalb auf blumenreiche Wiesen angewiesen, wo sie gleichfalls die Beute finden, welche für die Entwicklung ihrer fleischfressenden Larven nötig ist: Raupen, Spinnen, Heuschrecken usw. Um sich zu vermehren, brauchen sie unbedeckte Böden, in die sie Löcher zur Eiablage graben können. Sie suchen einen festen Boden auf, der zum Graben genügend fein strukturiert, trocken und sonnig ist, damit die Brut sich entwickeln kann. Spezialisierte Wespenarten graben ihre Löcher ausschliesslich in senkrechte, nach Süden exponierte Wände: Lösshügel an den Hängen, Sandbänke und feiner Silt in alten Moränen. Nasse, felsige und kiesige Böden passen ihnen nicht.

Die Bewegung des Geländes, ausgelöst durch biologische (Murmeltiere, Kühe, Maultiere usw.), geologische (Flüsse, Bergstürze usw.) oder technische Ursachen (Strassenböschungen, Kiesgruben usw.) ist für grabende Insekten lebenswichtig. Alle Stabilisierungsmassnahmen, vom Teeren der Strassen zum Errichten von Stützmauern, vom Ansäen der Böschungen bis zum einfachen Bekiesen der Wege, schaden ihnen. Erstaunlicherweise verursachen Autos auf Erdwegen weniger Schäden als Pferde, denn diese zertreten die Oberflächenschicht und verhindern das Aushöhlen der Nester.

Siehe auch