Neuankömmlinge

Aus Wikiwallis
Wechseln zu: Navigation, Suche

Vögel des Nordens

Eines Tages zeigt das Lied des Rotkehlchens in der Nähe der Häuser den Herbst an.

Weisse Bürzel und näselnde Rufe zeigen an, dass sich unter den einheimischen Buchfinken Neuankömmlinge befinden. Es sind Bergfinken, die in unsere Winterlandschaft eingedrungen sind. Da sie Liebhaber von Bucheckern sind, treten diese nordischen Vögel nie sehr zahlreich im Wallis auf. Wenn aber in Nordeuropa der Schnee sehr früh fällt oder der Fruchtertrag der Buchen schwach ist, fliehen sie in Scharen aus Skandinavien und Sibirien.Sie versammeln sich dann in Regionen mit vielen Buchen. Zwischen 1900 und 1984 hat unser Land vierzehn massive Invasionen erlebt, weil alle genannten Voraussetzungen erfüllt waren. Doch das Wallis bleibt immer ein Randgebiet und hat noch nie die Millionen von Vögeln aufgenommen, die über den wichtigsten Schlafplätzen der Innerschweiz und des Juras beinahe den Himmel verdunkeln.

Vor einigen Jahren haben Kornweihe auf der Durchreise nach Süden die erste Hälfte des Winters bei uns verbracht. Wenn der Schnee verspätet eintraf, konnte man sie bodennah, in schaukelndem Flug über einige Alpweiden gleiten sehen. Auch in der Ebene zeigten sie sich hie und da aufwiesen und Brachen, vorzugsweise hielten sie sich aber an die Steppen an den Hängen des rechten Rhoneufers, zwischen Fully und Saillon oder im Oberwallis, auf.Da der Bergfink uns regelmässig jedes Jahr besucht und der Kornweih nur gelegentlich eintrifft, kennt man den Seidenschwänz aus dem Norden wegen seinen unregelmässigen Invasionen seit langem: im Winter 1989/90 war er zahlreich, nachdem er im Wallis seit seinen Besuchen von 1963 und 1974 nicht mehr gesehen worden war.

Zahlreiche Wintergäste, die aus der Kälte kommen, werden unter den einheimischen Vögeln gar nicht bemerkt. Wie soll man denn einen Buchfink aus den schwedischen Wäldern von seinem Walliser Artgenossen oder ein Rotkehlchen aus der Taiga von einem solchen, das aus den Maiensässen kam, unterscheiden können!

Inmitten der häufig gepflügten Intensivkulturen sind die Grasböschungen der Autobahn eine Oase für Wühlmäuse und ihre Räuber. Das sind Glücksfälle für Mäusebussarde, die vom Schnee von den Höhen vertrieben wurden. Doch nicht alle kommen aus unseren Bergen: helles Gefieder, manchmal fast weiss, deutet die nordische Herkunft eines Teils der Bussarde an. Carlo Bottani, der in den 60er Jahren Bussarde im Wallis beringte, hat entdeckt, dass unsere Wintergäste aus dem Osten, aus Graubünden und Österreich, kommen.

Im Gegensatz zum Raubwürger, dessen Auftreten heute eine Seltenheit darstellt, dehnt die Wacholderdrossel aus der sibirischen Taiga ihren Lebensraum mehr und mehr nach Westen und Süden aus. Früher war sie Wintergast. Dann nistete sie erstmals 1946 im Wallis, in Morgins, und seit den 70er Jahren auch im Mittelwallis. Seither hat sie das ganze Wallis kolonisiert und nistet örtlich bis an die obere Waldgrenze. Im Winter sind es oft Scharen Tausender von Wacholderdrosseln, die sich in den Obst-plantagen der Ebene hinter vergessene Früchte machen. Während des ganzen Nachmittags, ab 14 Uhr, fliegen kleine Gruppen, die mit fortschreitender Zeit grösser werden, zu den Hängen des Rhonetales, um in den Bergwäldern bis an die obere Baumgrenze schlafen zu gehen. Sie steigen stufenweise auf, sich hier auf einer Föhre, dort auf einer Fichte niederlassend. Zahlreiche Raubvögel geniessen dieses Manna, das aus der Ebene kommt. In den Seitentälern stellt eine kleine Anzahl Wacholderdrosseln denselben Wandertrieb zur Schau. Das muss seinen Grund haben: ist es ein Mittel, der Kältemasse zu entfliehen, die sich jede Nacht im Talgrund bildet?

Sobald Schnee den Boden bedeckt und die Nahrung verschwinden lässt sowie die Konkurrenz um Vogelbeeren, Wacholder und andere Beeren zu gross geworden ist, verlassen die Wacholderdrosseln unsere Gegend und fliegen nach Süden. Damit beginnen kargere Tage für die einheimischen Raubvögel.

Siehe auch