Prähistorische Naturlandschaft

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Bär

Die Naturlandschaft verändert sich laufend auf eine Weise, die, mit den Ellen unseres Lebens gemessen, kaum wahrnehmbar ist. Es braucht die Augen der Geologen, um die Bewegungen der Erdrinde und das Hin- und Herschwappen der Meere über den entstehenden Alpen zu erkennen. Uns stehen die in Moränen gefangenen Bäume etwas näher, welche die Bilder des Wallis vor der Geschichte, erstellt aufgrund von Zählungen kleinster Pollenkörner aus Torfmooren, bestätigen.

Diese Pollenanalysen erzählen die Geschichte der Wiedereroberung der Alpen durch die Vegetation nach dem Abschmelzen des Inlandeises. Aus den Speiseresten unserer Urahnen lässt sich die Liste der grossen Fauna erstellen. Weil keine derartigen Archive über Amphibien und Insekten bestehen, müssen wir uns auf deren heutige Verteilung und Ökologie stützen und mehr oder weniger glaubwürdige Szenarien in die Geschichte der Vegetation und des Klimas einblenden.

Versuchen wir, uns das Wallis mit seiner natürlichen Vegetation vor der Ankunft des Menschen vorzustellen: eine sumpfige Ebene, durchzogen von vielen Armen eines wilden Flusses ohne Namen. Die Schriften von Rion und von Farquet über die Sümpfe von Sitten und Martigny, die Fotographien und Skizzen von Gams zeigen ausgedehnte Gebiete, in denen Dünen den Schlammböden, Schilfgürtel den Seggenrieden, Föhrenwälder den Erlenbüschen in Gegenwart einer mächtigen Rhone den Platz streitig machen. Zu jener Zeit nahmen wahrscheinlich Fischotter und Biber, Grosser Brachvogel, Rohrdommel, Sumpfohreule und Wiesenpieper den Platz unserer heutigen Grünfinken und Wacholderdrosseln ein. Laut Rion sollen im vergangenen Jahrhundert Wanderheuschrekken zu Tausenden in unsteten Zügen alles vernichtend über das Land hergefallen sein. Und die Fische, die sich zu Hunderten in unseren noch nicht eingedämmten Flüssen tummelten?

An den Seitenhängen weder Reben noch Wiesen, dagegen Wälder, die mit Leichtigkeit bis 2000, ja sogar 2500 m ü. M. hochkletterten, je nach Klimaperiode, und wenige Freiräume offenliessen: Trockenrasen, Lawinenzüge oder Geröllhalden, Sturmlichtungen, die von Auerochsen und Hirschen offengehalten wurden, Felspartien und darüber die Alp mit reizvollen Wildbächen, Alpenrasen, von Steinen und Felsblöcken übersäht, die kein Hirte zu Mäuerchen aufschichtete, um die Grasfläche zu vergrössern.

Inhaltsverzeichnis

6500 v. Chr.: erste menschliche Eingriffe

Unsere Ahnen hatten festgestellt, dass Luchsen gängige Pfade zusagen. Das nützten sie aus, um eine Reihe von Fallen auf den Wildwechseln zu erstellen, vornehmlich auf dem Grat, der das Lötschental mit dem Rhonetal verbindet. Einige dieser gigantischen "Mäusefallen" aus grossen Steinblöcken kann man heute noch sehen.

Die ersten Anzeichen menschlicher Gegenwart im Wallis um 6500 v. Chr. (Vionnaz) verweisen auf Jägergruppen. Reste von Bibern, Fischottern, Iltisen, die in den Sümpfen der Ebene gefangen wurden, und von Bären, Wildschweinen, Hirschen und Rehen, die an den Hängen gejagt wurden, lassen den Gedanken aufkommen, dass Gemsen und Steinböcke bereits in der Höhe angesiedelt waren, zurückgedrängt durch den sich nach der Eiszeit entwickelnden Wald.

1500 Jahre später, als die Wälder während der kräftigsten nacheiszeitlichen Wärmeperiode (Atlantikum) ihre grösste Ausdehnung und Dichte erreichten, bewirtschafteten die ersten Bauern ihre Getreidefelder bei Sitten. Ihre Ziegen und Schafe, auch ihr Feuer, lichteten den Wald und schufen Raum für Dörfer, Kulturen und Weiden. Der Einfluss dieser Bevölkerungsgruppe war unbedeutend, wenigstens bis 3500 v. Chr. (St. Leonhard), denn die genützten Flächen blieben klein. Zu dieser Zeit wurde wenig Wild gegessen (weniger als 5% Knochenreste in den Speiseabfällen), verglichen mit den Resten von Haustieren. Genau das Gegenteil lässt sich für die nämliche Epoche an den Ufern des Neuenburgersees feststellen. Die Knochenreste weisen auf eine vielfältige Fauna hin, und zwar sowohl in den Wäldern (Auerochs, Wildschwein, Hirsch, Reh, Bär, Fuchs) als auch in den Bergen (Gemse, Steinbock, Schneehase) und in der Ebene (Biber, Fischotter).

Mit dem Bevölkerungswachstum verstärkten sich die menschlichen Eingriffe stetig und dehnten sich aus auf Hänge und Berggebiete. Mehrere Jahrhunderte n. Chr. lang haben Bauern Terrassenkulturen angelegt, Wasser in Wässerwasserleitungen zu den durstigen Wiesen gelenkt und Alpen gereinigt, sodass liebliche Landschaften entstanden und sich Biotope bildeten für Tierarten, die fähig waren, von den Kulturen zu leben: Feldhase, Rebhuhn, Tauben, Spatzen, Ratten und Mäuse, Liebhaber von Körnern; Schmetterlinge, Wildbienen und Käfer, die gerne Pollen naschen.

Schriftliche Berichte bezeugen, dass die grossen Säugetiere, die um 3500 v. Chr. gejagt wurden, mindestens bis zum Ende des 18. Jahrhunderts überlebten, ausgenommen Auerochsen, die zu Beginn unserer Zeitrechnung ausstarben.

18. und 19. Jahrhundert: widersprüchliche Beschleunigung

Die Namen der Orte, Bärenfallen und Quittungen für Prämien (z. B. 20 Prämien im Jahre 1601, 35 im Jahre 1602) beweisen, dass früher im Wallis Bären lebten. - Eine Bärentatze an einem Chalet in Mase.

Man musste die Kleine Eiszeit, die Überbevölkerung und den Einsatz von Feuerwaffen abwarten, um in wenigen Jahrzehnten das Massaker an den grossen Wildtieren der Berge zu erleben. Weil Steinböcke und Hirsche ausgerottet, Rehe und Gemsen fast verschwunden waren, mussten sich die grossen Raubtiere Bär, Luchs und Wolf auf Haustiere stürzen; die Folgen sind bekannt.

An der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert taten sich unsere Vorväter zusammen, um die Ebene zu kolonisieren, womit sie in wenigen Jahrzehnten ein ausserordentliches Ökosystem zerstörten. Aal, Brachvogel, Reiher, Enten, Otter und Iltis - alles Bewohner der Sümpfe — wichen den Rebhühnern, Hasen und anderen Spezialisten der Kulturen und Trockengebiete.

Im selben Zeitraum förderte die Eidgenossenschaft die Wiederaufforstung der Bergwälder und die Gründung von Jagdbannbezirken. Sie trug damit zur Entwicklung von Gems- und Rehpopulationen bei, ermöglichte mit Aussetzungen die Rückkehr von Hirschen, Steinböcken und Bibern, und schliesslich durften Luchs und Bartgeier wieder eingeführt werden. Im Anschluss daran darf man hoffen, eines Tages dem Bären und dem Wolf wieder zu begegnen.

Nachkriegsjahre: Landwirtschaft und Verstädterung

Traditionelles Landwirtschaftsgebiet: Chamoille vom Flugzeug aus.

Der sich selbstversorgende Bergbauer unterhielt lange Zeit vielfältige Kulturen, die sich in Stufen von der Ebene zu den Alpweiden erstreckten, so dass alle seine Bedürfnisse abgedeckt waren. Unterteilte Parzellen sicherten jeder Familie ein Stück Land auf allen Höhenlagen und unterschiedlichen Böden. In diesem vielfältigen System der zahlreichen Struktur-Refugien (Mauern, Steinhaufen, Hecken, Kanäle, Wässerwasserleitungen) blieb eine reiche Fauna erhalten - gelegentlich auf Kosten der Produktion.

Ab 1950 wurde die Landwirtschaft durch den Markt und die Verstädterung gezwungen, die Produktion zu verstärken. Die Wahl war, entweder industrielle Verfahren einzusetzen oder ertragsgünstigeren Aktivitäten zu weichen. Chemie, Mechanisierung und Biotechnologie führen zur Agrar-Industrie, deren Erfolg in Tonnen Blumenkohl und Hektolitern Milch gemessen wird, unter Missachtung von genetischer Vielfalt, Natur- und Landschaftswerten und der Qualität von Böden, Gewässern und Nahrungsmitteln.

Hochstämmige Obstkultur im Schnee (Niedergampel, April 1944).

Im Verlauf weniger Jahre verloren die offenen Kulturen der Ebene und der Rebberge ihre Hecken und Wäldchen. Auf halber Höhe der Hänge vergandeten die ertragslosen Böden und überzogen sich mit Brachen oder Wäldern; überall verschwanden die schönsten Vertreter unserer Fauna. Die Vögel des Tieflandes wie Steinkauz, Raubwürger, Rebhuhn und Wachtelkönig verliessen das Wallis um 1960. Die Arten, die sich in halber Hanghöhe aufhalten, wie Zwergohreule, Wiedehopf, Rotkopfwürger, Heidelerche, Feldhase und Fledermaus überlebten ein paar Jahre länger, aber ihre Bestände gehen zurück. Auf einen verschwundenen Vogel kommt eine unbestimmte Anzahl Wirbelloser, die das gleiche Schicksal in völliger Anonymität erlebten.

Steinkauz

Gleichzeitig ergriffen Städte und Dörfer, Stauwehre und Verkehrswege, Kabel und künstliche Beleuchtungen in ein paar Jahrzehnten Besitz von unserem Kanton. Die produktivsten Biotope des Tieflandes verschwinden als erste, während die grössten Alluvialböden der Seitentäler in Stauseen versinken, touristische Aktivitäten, Störungen und Bauten in den hintersten Bergtälern zur Folge haben. So geht nach der Fauna der Sümpfe diejenige der Kulturen, die den Menschen begleitet, zurück. Schliesslich verdanken wir den gegenwärtigen Reichtum der Natur im Wallis nur einer undankbare Topographie, welche die weitere Zerstörung verhindert.

Siehe auch