Roter Schnabel, rote Füsse: die Alpenkrähe

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Ein geübtes Auge unterscheidet die Alpenkrähe von ihrer Kusine, der Alpendohle, weil erstere plumper gebaut ist: kurzer Schwanz, wuchtige Flügel mit gefingerten Enden. Von nahem überzeugt det lange, gebogene tote Schnabel.

Man übersieht sie leicht, die Alpenkrähe, weil sie der Alpendohle gleicht und man das Erscheinen "eines schwarzen Vogels" gleichgültig hinnimmt. Doch sie ist zu erkennen an der eckigen Form der Flügel, am kurzen Schwanz und am charakteristischen Schrei, einem grellen kiaa.

Ausgerüstet mit einem langen Schnabel - vom Wiedehopf kopiert —, ernährt sie sich fast ausnahmslos von kleinen Wirbellosen, die sie in den Oberflächenschichten des Bodens, unter Gesteinen oder unter methodisch umgewendeten Kuhfladen findet. Deshalb ist sie abhängig von weichen Böden mit kurzem Gras, von Alpenrasen, Alpweiden und auch sorgfältig gemähten Wiesen. Im Sommer scheinen diese Bedingungen oberhalb der Baumgrenze fast überall erfüllt zu sein, sodass die günstigen Standorte unterbelegt erscheinen. Im Winter dagegen schränkt die Schneedecke den Lebensraum der Alpenkrähen erheblich ein und zwingt sie, sich auf den wenigen schneefreien Flächen zu versammeln: auf windverblasenen Kreten oberhalb von Ovronnaz oder von Zermatt sowie auf den von Lawinen freigefegten Hängen im Kessel von Derborence. Oder sie lassen sich auf den sonnenbeschiene-nen Mähwiesen rings um die Dörfer des Entremont- und des Eringtals nieder.

Der Schnee hält sich nicht lange auf den sonnenbeschienenen, windigen Hängen von Leuk.

Nach starken Schneefällen liessen sich im Januar 1977 Alpenkrähen von Evolène für eine Woche in Sitten auf den Hängen von Tourbillon nieder. Solche Verschiebungen, die für die Alpenkrähen aus dem Eringtal aussergewöhnlich sind, wiederholen sich jeden Winter auf den Sonnenhängen von Leuk, wo sich Bergkameraden einfinden: Alpenbraunelle und Steinhuhn, die auf die Steppen herunterkommen.

Diese Krisensituationen decken die Achillesferse der Alpenkrähen auf, nämlich deren Unfähigkeit, sich im Winter leichter zugänglicher Futterquellen zu bedienen, und zeigen gleichzeitig, wie wichtig Hilfsbiotope sind wie der Trockenrasen der Walliser Sonnenhänge und aus dem Schnee ragende Unebenheiten des Geländes. Wohl wegen der schneefreien Winterstandorte bleibt das Vorkommen der Alpenkrähen auf die Trockentäler der Alpen begrenzt: das Wallis, Aostatal, Mercantour und früher noch das Engadin.

Aus dem Engadin ist die sogar im Winter insektenfressende Alpenkrähe um 1970 verschwunden. In der Schweiz leben nur noch etwa 40 Paare, alle im Wallis.

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