Steinadler

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In der leuchtenden Pracht des Altweibersommers zeigen Steinadler ihren Territorialinstinkt durch hohe Flüge an, die umso bezaubernder sind, als die Temperatur noch milde ist. Wenn der Winter kommt, hat die Mehrheit der im Juli flügge gewordenen Jungen ihre Eltern verlassen. Diese nützen ihre Freizeit aus, um ihre territorialen Vorrechte zu demonstrieren, bevor die grosse Kälte ihre Fluglust dämpft. Sofern nicht ein Föhneinbruch sie im Winter zu einem lustvollen Flug veranlasst, werden sie eher zurückgezogen leben, bis es gilt, sich um den Horst zu kümmern im Hinblick auf die Eiablage anfangs April.

Inhaltsverzeichnis

Der Adler ist gerettet

Dieser ausgewachsene Adler bereiter sich mit weitgespannten Flügeln und ausgestreckren Händen darauf vor, einen Eindringling zu vertreiben, der sein Territorium verletzt hat.

Es ist paradox: gerade da die roten Listen immer länger werden, finden sich Gattungen, die sich einer erstaunlich guten Gesundheit erfreuen.

Wenn der Wanderfalke unter Kennern berühmt ist, so ist der Adler - der König der Vögel - der Allgemeinheit so bekannt, dass er offiziell zum Nationalvogel der Schweiz gewählt wurde. Der Steinadler verdient diesen Titel, wenn er auch gewichtsmässig vom Schwan oder Auerhahn, nach Flügelspannweite vom Bartgeier und nach der Schnabellänge vom Storch, übertroffen wird. Die Unbekümmertheit, mit der er seine Schwebekreise zieht, zeigt seine Sicherheit; der kräftige Flügelschlag zeugt von seiner Macht, seine langen Beobachtungspausen auf den höchsten Punkten seines Territoriums drücken die vollkommene Beherrschung seines Gebietes aus.Dieser grosse Raubvogel wurde von den Jägern nie geschätzt, weil diese in ihm oft einen Konkurrenten sehen. Als man im Tannenhäher noch den Zerstörer der Arven sah, betrachtete man den Adler, der sogar des Kinderraubes bezichtigt wurde, als verantwortlich für den Rückgang der Murmeltiere, der Gemsen und sogar der Steinböcke. Deshalb die Prämien für den Abschuss und für das Ausnehmen der Horste, was beinahe zur Ausrottung des prächtigen Raubvogels geführt hätte.

Seitdem er 1955 unter Schutz gestellt wurde, hat die Zahl der jährlichen Abschüsse nachgelassen und die einst magere Population nahm zu. Dieser Erfolg ist auf eine günstige Ausgangslage zurückzuführen: der Rückgang des Adlers war einer direkten systematischen Vernichtung zuzuschreiben, ohne Einwirkungen von Raum, Biotop oder Giften. Deshalb genügte es, das Schiessen zu verbieten, um dem Adler eine erfreuliche Entwicklung zu ermöglichen.

Wie es die Spezialisten vorausgesehen hatten, traten die seinerzeit befürchteten Nachteile nicht ein: Murmeltiet und Gemse vermehrten sich weiterhin, gleichzeitig mit dem Adler. Heute bremsen natürliche Mechanismen das Wachstum seiner Population.

Königliche...

Ein männlicher Adler mit dem Zerlegen eines Fuchses beschäftigt. Der König der Lüfte zögett nicht Aas zu fressen, wenn ihm dadurch eine Anstrengung erspart bleibt.

Von Natur aus ist der Adler eher friedlich; wenn er nicht jagt, erträgt dieser grosse Raubvogel ungebetene Gäste, die bei ihm Streit suchen, ohne Murren. Kolkrabe, Mäusebussard, Alpendohle, Turmfalke und Alpenkrähe reagieren sofort, wenn er vorbeifliegt, und hören nicht auf ihn zu bedrängen. Doch in seiner königlichen Überlegenheit begnügt sich der Adler, einen Flügel zu schliessen, den Kopf zu senken oder einen kurzen Angriff anzudeuten. Gelegentlich regt er sich auf und geht mit erstaunlicher Geschwindigkeit in eine wilde Verfolgung über, sodass die Angreifer sich flugs in die Tiefe stürzen wie etwa jener Mäusebus-sard, der in wenigen Sekunden von Nax nach Brämis hinuntersauste, ein Adler hinter ihm her. Kleiner Wutausbruch des Königs, der nie andauert, aber doch seinen Rang in Erinnerung ruft.

...Wutanfalle

Es gibt andere Angriffe, die sich auf den Habicht konzentrieren. Nehmen wir den Fall jenes Adlers, der seine Schwebekreise über dem Wald von St. Martin ausübt. Er geht plötzlich in einen aggressiven Flug über, wie wenn er einen in sein Territorium eingedrungenen Adler vertreiben wollte. Schnurgerade schwingt er sich durch das Eringertal, stürzt sich wenige Minuten später auf den Wald unter Les Collons und scheucht einen Habicht auf. Während mehreren Minuten jagt der Adler den Unglücklichen, der ihn gewiss nicht provoziert hatte und vier Kilometer von ihm entfernt war, zuerst über dem Wald, dann zwischen den Bäumen. Der Habicht, zwar kleiner als der Mäusebussard, aber kräftiger, jagt auf dem Gebiet des Königs, fängt einige Hasen, Birkhühner oder Schneehühner. Das scheint der Grund zu sein für die wütenden und unablässigen Angriffe des Adlers auf den Habicht.

Eine massvolle Fülle

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Bis jetzt zählten wir, Eric Ruedin und ich, ungefähr 50 Adlerpaare im Wallis. Die Statistiken, die jedem Paar 105 km2 zuschreiben, geben nicht die Wirklichkeit wieder. Der Anteil, der jedem Paar zukommt, hängt ab von der Qualität des Territoriums, von seiner Topographie, von der Aggressivität des Besitzers und der Anzahl Kandidaten, die das Gebiet ebenfalls besetzen möchten. Wie jeder Räuber betreibt auch der Adler Familienplanung!

In den 70er Jahren machten sich die Auswirkungen des Schutzes noch wenig bemerkbar. Zahlreiche Paare beherrschten noch beachtliche Räume, die auch die unteren Talabschnitte miteinschlossen, wo man die verfaulten Überreste von verlassenen Horsten finden konnte. Im Eringertal zählte man nur drei Paare; die Adler von Haut-de-Cry flogen aus bis Follatères und zum LeinPass, besuchten regelmässig die Hänge oberhalb von Riddes, wo ihr Vorbeiflug allerdings den Zorn der ortsansässigen Mäusebussarde weckte. Die Adler von Lienne jagten sowohl auf den Alpen von Nax als auch im oberen Tièche-Tal und in Les Audannes. Diese Jahre des Überflusses erlaubten es dem Adler viele Junge aufzuziehen. Aus der Zeit stammt die einzige Beobachtung von drei Jungadlern in der Schweiz im gleichen Horst, und zwar bei Zermatt.

Diese reichen Besitzer gerieten als erste unter den Druck der Jungen, die als Erwachsene Anspruch auf eigenes Land erhoben.1973 verlor das Paar von Lienne die Osthälfte seines Besitzes; 1981 richtete sich ein Paar auf den Felsen unterhalb von Nax ein und drang allmählich ins Tal der Borgne, Richtung St. Martin, ein; 1985 verliessen die Adler von Haut-de-Cry die Region FullySaxon; 1989 musste das Paar von Evionnaz die Region Martigny neuen Mietern überlassen. Eine solche rasche Aufzählung gibt die harten Kämpfe und psychologischen Traumata schlecht wieder. So hat ein junges Paar während mehr als zehn Jahren auf fünf Quadratkilometern gelebt, ohne sich je zu vermehren. Das geschah erst, als es seinem Nachbarn von Chandolin ein Stück Raum entrissen und damit gleichzeitig die Vermehrung des Besiegten gestoppt hatte. Dieser konnte erst fünf Jahre später wieder Junge aufziehen, als er das Tal von Réchy einem anderen Nachbarn "gestohlen" hatte.

Während der Vermehrungszeir bringr der Adler regelmässig grüne Zweige, um den Horst aufzufüllen.

Wenn die rechtsuferigen Territorien — beispielsweise Lizerne, Morge, Leuk — dem kantonalen Durchschnittswert von ungefähr 100 km2 entsprechen, liegen diejenigen der Walliser Alpen mit ihren grossen Gierschern — Evolène, Bagnes, Zermarr — weir über 150 km2. Neue Paare, die sich dazwischen einnisten — prakrisch ohne Gierscher —, müssen sich oft mit Territorien von 50 bis 70 km2 begnügen. Im einen wie im andern Fall ist es die Fläche des Jagdgebietes, die konstant ist: Wiesen und Weiden, lichte Wälder und Trockenrasen müssen den für jedes Paar identischen Nahrungsbedarf abdecken.

Nach der Zersplitterung der grossen Territorien, die auch die Rhoneebene einschlossen, hat sich der Druck nun auf die Gebirgsregionen verlagert. An Weihnachten 1992 liess sich ein neues Paar in Evolène nieder, wodurch sich die Zahl der Paare im Eringerral auf fünf erhöhte und den Beherrscher des Tales nach Aroila verdrängte. Demnächst werden die Adler von Fionnay, die jetzt noch 200 km2 betreuen, dieselben Nöte kennen. Es sei denn, der Geburtenrückgang führe zu einer Senkung des Bestandes oder die Jungen würden sich im Jura niederlassen, wohin sie immer häufiger fliegen.

Vagabundenleben

Während ihren ersten Lebensjahren tragen die Adler Armschwingen und Steuerfedern, deren weisse Ansatzstellen grosse, helle, gut sichtbare Flecken bilden.

Nicht alle Adler leben als Paar mit festem Wohnsitz. Die Jungen verlassen das Gebiet der Eltern vier bis acht Monate nach dem ersten Flug und führen dann während drei bis fünf Jahren ein Vagabundenleben quer durch die Alpen. Die jungen Vögel erkennt man von weitem an ihrem braunen, fast schwarzen Gefieder, mit der auffallend weissen Wurzel der Armschwingen und Sreuerfedern als Kontrast. Nach jeder Mauser geht die weisse Farbe mehr und mehr zurück, sodass sie im milchkaffeebraunen Gefieder der erwachsenen Vögel völlig fehlt. Im Gegensatz zu den Jungvögeln werden Erwachsene ohne festen Wohnplatz auf dem Territorium niedergelassener Adler nicht geduldet.

An einem Sommerrag segelte ein erwachsener Adler, dessen gezahnte Flügel und der Schwanz, von einer abnormalen Mauser zerfetzt, einem Sieb glichen, über Verrsan, glitt nach Westen über den Haur-de-Cry, den Geländeformen folgend, und verschwand immer wieder hinter den Spitzen und Türmen dieses mächtig ziselierten Kalkstockes. Plötzlich stiess er hinab, packte ein Murmeltier, hob es auf und verschwand damit im Hang unterhalb von Faraire. Das ist das Verhalten eines verfolgten Vogels, wie es niemals von einem sesshaften erwachsenen oder einem vagabundierenden jungen Vogel ausgeübt würde. Im Gegenteil, ein sesshaftes Paar zeigt sich stets und markiert so seine Anwesenheit, wie es Steinmarder mit seiner Losung oder ein Rotkehlchen mit seinem Gesang tut. Bei jenem irrenden Erwachsenen zeigt alles die Schwierigkeit des Überlebens an: Flug in Bodennähe, um vom Besitzer nichr entdeckt zu werden; Flucht mit dem Murmeltier in den Fängen in die Tiefe der Täler, um es im versteckten zu verzehren; abnormale Mauser, die einen schlechten Allgemeinzustand verrät - normalerweise verläuft die Mauser in Etappen, sodass Flügel und Schwanz immer flugtüchtig bleiben.

Das ist meine einzige Beobachtung versteckten Verhaltens in 20 Jahren. Dagegen habe ich oft Eindringlinge entdeckt, weil sie von den ortsansässigen Paaren verjagt wurden. Im Juli 1985 flog das Paar von Ferret mit zwei, dann drei unerwachsenen Individuen im Gebiet von Les Ars ohne grösseren Konflikt. Plötzlich nimmt das Paar "die Beine unter die Arme" und sticht, die Jungen zurücklassend, Richtung Champex d'Orsières, sechs Kilometer talabwärts, um einen anderen Adler, ohne weisse Federn, anzugreifen. Ohne Zweifel ein Nachbar, der die Grenzen missachtet hat. Wie ich dazu komme, dies zu vermuten ? Nun, ganz einfach, weil ich mich bei anderen Gelegenheiten am entgegengesetzten Ende des Angriffs befunden habe. Während der Expansionsphase des neuen Paares von Nax machte ich so regelmässig Beobachtungen in Lens, von wo aus ich alle Gipfel von der Sionne zum Mont-Lachaux und den ganzen Hang von Nax sehen konnte. Nach zwei Stunden Beobachtung ohne einen einzigen Adler wecken Alarmrufe von Meisen meine Aufmerksamkeit. Das Paar von Nax schwebt über Christ-Roi... Ich richte meinen Feldstecher auf den Rawyl: nichts. Befriedigt von seiner Leistung, verschwindet das Paar von Nax im Wellenflug hinter dem Christ-Roi nach Süden. Blick zum Rawyl: ein Adler erhebt sich rasch kreisend über dem Mont-Lachaux. Nachdem er an Höhe gewonnen hat, fliegt er auf mich zu, in markanten Wellenflug über Christ-Roi hinweg, und verschwindet in Richtung Nax. Etwa dreissig Sekunden später kehrt er zurück, nimmt seinen Posten unter dem Mont Lachaux wieder ein, setzt sich nieder und entschwindet dann meinem Blick. Das Spiel dauerte sechs Minuten. Sechs Minuten, um ein Territorialproblem zu lösen: Christ-Roi mit seinem gegen Himmel erhobenen Finger dient als Grenzstein... Kein Streit, nur Einschüchterung. Wegen eines Jungen oder Unreifen hier im Gebiet von Lens hätte sich der Adler vom Rawyl nicht so sehr bemüht. Auf diese Weise rekonstruiert man Stück für Stück das Leben und die Weltanschauung der Adler.

Es ist leicht Paare zu zählen, während die Vagabundierenden kaum erfasst werden können. Im Winter, wenn Schnee liegt, sind sie auf engere Flächen konzentriert. Dann kann man mehrere Tage in hochgelegenen Tälern wie demjenigen von Arolla, verbringen, ohne einen einzigen jungen Adler zu entdecken. Aber tiefer unten, um Liddes herum oder in der sonnigen Gegend von St. Martin oder auch am Hang von Raron, kann man an einem einzigen Tag fünf Unreife zu sehen bekommen. Wenn sie zwei oder drei Tage am selben Ort bleiben, ist es leicht sie zu identifizieren; aber drei oder vier Wochen später erkennt man sie kaum wieder. Doch im Februar 1992 hat mir ein Junger, dessen rechter Fuss gebrochen war und jämmerlich herabhing, seine erstaunliche Überlebenskraft bewiesen, indem er sich während neun Wochen am selben Ort aufhielt; zweifellos wurde er durch seine Eltern ernährt.

Es ist wohlbekannt, dass Vögel singen, um ihr Territorium zu verteidigen oder ihren zukünftigen Partner anzulocken. Es kommt vor, dass Adler schreien: yück yück yück yück yück. Das tun vor allem Junge, die betteln, wenn sie ihren Eltern folgen, oder neue Paare, die sich einrichten. Auch Erwachsene lassen im Frühling ihre Stimme ertönen. Ihr Ruf gleicht dem Bellen eines kleinen Hundes: wau wau wau wau wau, aber er ist selten und auf 500 m kaum hörbar. Es ist schwer sich vorzustellen, dass ein so vertraulicher Ruf die Bedingungen der Territorialverteidigung erfülle; man kann ihm eher eine sexuelle Funktion zuschreiben. Adler verteidigen ihr Territorium mit den Augen.

Horste auf Bäumen

Kopf des Adlers

Obwohl sie in den Bergen vorwiegend auf Felsen nisten, haben unsere Adler einige Horste auf Bäumen — Tannen, Arven oder Lärchen - errichtet. Um den Transport zu vereinfachen, liegen die Horste tiefer als das Jagdgebiet; der niedrigstgelegene in der Schweiz befindet sich im Wallis auf 700 m ü. M. Aber man kennt Ausnahmen: ein Walliser Paar hat den höchstgelegenen Horst Europas auf 2700 m gebaut, vier Kilometer vom nächsten Wald entfernt. Man kann sich vorstellen, welche Versorgungsschwierigkeiten sich da ergeben. Wahrscheinlich wurde ein Zaunpfosten der zum Nestbau verwendet werden konnte auf einer Alp gefunden.

In seltenen Fällen befindet sich der Horst in Felswänden, die gleichzeitig die Gebietsgrenze darstellen. Diese exzentrische Lage verlängert die Flüge und erschwert die Aufzucht der Jungen. Ein Adler, beladen mit einem Murmeltier, das er auf der Torrentalp gefangen hatte, verlor beim Flug über das Dala-Tal an Höhe und erreichte den Fuss der Felsen, weit unterhalb des Nestes. Das Weibchen, auf Futter wartend, kreiste dort oben und das noch weisse Küken neigte sich aus dem Nest und schrie vor Hunger. Nach zwei Stunden kreiste der Adler immer noch, setzte sich bald auf den Fels, bald auf einen Baum und hatte Mühe, so schwer beladen hochzukommen.

Der Aufstand der Beutetiere

Erwachsener Adler auf dem Horst mit einem Jungadler, etwa ein Monat vor dessen Wegflug. Man beachte den grünen Aufbau über der alten, grauen Struktur, die sich im Verlauf der Zeit verfärbt hat.

In der Literatur wird behauptet, der König der Lüfte sei fähig, einer Gemse den Schädel einzuschlagen. Das will ich gerne glauben, wenn man die Reaktion der Gemsen sieht, die sich gruppieren, wenn sein Schatten sich nähert. Ich habe Kitze von Gemsen, Steinböcken und von - Schafen in den Greiffüssen des Adlers gesehen; auch Füchse, Murmeltiere und Birkhühner, aber niemals eine erwachsene Gemse. Sie wäre zu schwer. Doch habe ich einem Angriff zugeschaut, in dessen Verlauf ein Adler sich buchstäblich in den tiefen Schnee von Mandelon oberhalb von Hérémence "bohrte" und ganz knapp eine sehr reaktionsfähige Gemse verfehlte. Der Wegflug des Königs der Lüfte war nicht ruhmreicher als das Aufrappeln eines Skifahrers aus dem Pulverschnee - und die Gemse hätte ihren Angreifer erschlagen können. Zweimal sah ich, wie eine Gemse einen Adler bedrohte. In beiden Fällen sass ein Adler am Boden und überwachte von einer felsigen Anhöhe aus sein Territorium. Gemsen, auf einer kleinen Wanderung begriffen, standen plötzlich unter dem königlichen Felsen, entdeckten den Raubvogel und zeigten ihre Furcht, indem sie ihre Rückenhaare sträubten. Unangebrachte Furcht, denn aus zehn Metern Distanz kann kein Adler einen Angriff versuchen. Die nervösen Gemsen zögerten und rannten dann eine nach der anderen in gestrecktem Lauf unter dem Felsen vorbei, so wie sie es tun, wenn sie einen Lawinenzug queren, und beruhigten sich erst, als sie über dem Adler standen. Die letzte — stolz ob ihrer Heldentat ? - stand still, drehte sich um, stellte ihre Nackenhaare, scharrte mit dem Huf und ging auf den Adler zu. Einige Schritte, erneutes Scharren, noch einige Schritte und aus vier oder fünf Metern griff sie mit gesenktem Kopf an. In letzter Sekunde zögerte die Gemse und bremste. Die Gelassenheit des Adlers war beeindruckend. Er lüftete andeutungsweise einen Flügel. Das war zuviel: die Gemse flüchtete, obwohl der Adler nicht den geringsten Versuch zu starten unternommen hatte. So spielt jeder seine Rolle. Die Revolution der Pflanzenfresser findet vorläufig nicht statt!

Bleiben wir bei den Mythen: auf die Geschichte von der Gemse, die einen Adler töten wollte, folgt diejenige vom stinkfaulen Adler, der von der öffenlichen Fürsorge lebte. Seine Majestät schlemmt mit totem Fleisch, immer wenn sie solches findet: tiefgefrorene Kadaver, nach der Schneeschmelze entdeckt, oder Haustiere, die zu den Abfällen geworfen wurden, zieren den Speiseplan. In diesem Falle sucht der Adler nicht speziell die sicheren Müllhaufen in den Schluchten der Borgne bei Evolène oder Vex oder in denjenigen der Lienne bei Luc: ich sah das Adlerpaar vom Trienttal, wie es auf der Deponie von Finhaut frass, am Rand der Strasse, jedesmal aufschauend, wenn ein Auto vorbeifuhr.

Ein unnützes Opfer

Im Februar 1994 bemerkte ich, während ich den Einzug eines Paares in den Ausläufern von Haut-de-Cry beobachtete, einen herumirrenden Unreifen, der versuchte, eine Gemse zu packen, die auf einem engen Felsband, das in eine Sackgasse mündete, ruhte. Der unerfahrene Raubvogel stach senkrecht zur Felswand in die Tiefe, um so im Wiederaufstieg als Behelf an die Gemse zu gelangen, die den Krallen auswich, indem sie sich hart an den Felsen presste.

Der Adler har gar keine Chance, bei einem aufmerksamen Rudel Steinböcke zuzuschlagen.

Ein paar Minuten später, während die nämliche Gemse vor sich hin wiederkäute, kam das neue Paar, um sein Territorium zu verteidigen, und entdeckte die Gemse. Das junge Männchen versuchte einen erfolglosen Angriff. Sein pfiffigeres Weibchen erhob sich über die Gemse, um sie von hinten anzugreifen, im Sturzflug hart am Fels. Das Männchen versuchte dasselbe. Nach einigen Angriffen wollte die Gemse aus ihrer Sackgasse entweichen. Aber das Adlerweibchen stellte sich ihr in den Weg, während das Männchen seine tödlichen Angriffe wiederholte. Gezwungen durch diese Taktik auch anzugreifen, sprang die Gemse gegen die Raubvögel und riskierte bei jedem Sprung, das Gleichgewicht zu verlieren. Beim zweiten Fluchtversuch stand wieder ein Adler im Wege. Nach zwanzig Minuten, beim achtzehnten Angriff, packte das Weibchen die Hörner und riss ihre Beute ins Leere — aus meinem Blickfeld. Da die Adler bereits nach einer Minute wieder auftauchten und auch an den nächsten Tagen den Ort nicht mehr aufsuchten, schloss ich, dass die Beute in den Bergschrund am Fuss der Felswand gefallen war - unerreichbar.

Weitere Legenden

Ich kenne den Steinadler zu gut, um an jede Anekdote zu glauben, die man über ihn erzählt. Im Juli 1987 griff ein Steinadler einen Hund an und versuchte, ihn den Armen seines Meisters, in die er sich geflüchtet hatte, zu entreissen. Die Foto des Adlers, der brav am Wegrand sitzend, drei Meter von den Leuten entfernt, daraufwartete, dass man ihm die begehrte Beute übergebe, ist Beweis genug für die unglaubliche Geschichte. Sie beschäftigte mich immer noch, als mir René-Pierre Bille erzählte, wie er anlässlich eines Spazierganges durch die Reben von Salgesch im Frühling 1987 einigen verstörten Spaziergängern habe zu Hilfe eilen müssen, weil ein junger Steinadler ihren Hund angriff und ihnen zu Fuss folgte. Tatsächlich handelte es sich um einen Adler, der 1986 im Val des Dix aus einem Horst genommen und jetzt aus einem Gehege in Salgesch befreit worden war. René-Pierre Bille erzählte weiter, dass dieser Adler im Juni des gleichen Jahres drei Tage in Chandolin verbracht habe, wo er die Katzen des Dorfes jagte. Aber im August 1988 sei er mit Stockschlägen getötet worden, als er in Grimisuat einen letzten Angriff auf einen Hund wagte: dieser Adler war es gewohnt, Katzen oder Kaninchen zu fressen, die ihm ein Zweibeiner brachte.

Siehe auch