Trockenhänge: Paradies...

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Lebt man in einem Rebbaugebiet, vergisst man etwas die Steppen, die Flaumeichenwäldchen und die Kiefernwälder. Dabei sind es gerade diese Trockenlandschaften, die dem Wallis seine ausgebleichten Farben und den mediterranen Charakter verleihen, die der Besucher aus dem Norden so gerne aufsucht. Wer Trockenhang sagt, meint Vipern und stellt sich ein Gekreuche von Reptilien vor. Falsch! Diese von der Sommersonne versengten Hänge beherbergen sehr wenig kleine Säugetiere, die unentbehrliche Nahrung der Vipern. Es ist vielmehr das Paradies der Wirbellosen, der Smaragdeidechsen und einiger spezialisierter Vögel.

Inhaltsverzeichnis

...der Wirbellosen, ...

Die Tiere mit veränderlicher Körpertemperatur, die auf Sonnenbestrahlung angewiesen sind, um ihren Körper zu erwärmen, sind natürlich in der Fauna der Trockenhänge gut vertreten. Die zahlreichen Pflanzenfresser wie Schnecken, Grashüpfer, Heuschrecken und Schmetterlinge versorgen eine Menge kleiner Räuber: Gottesanbeterinnen, Raubfliegen, Schmetterlingshafte und Skorpione, die ihre Beute aktiv verfolgen; Krabbenspinnen, die ihr getarnt auflauern, oder Ameisenlöwen und Spinnen, die ihr Fallen stellen.

Hier lässt im Frühling und dann im Sommer, früher oder später, je nach Höhenlage, ein merkwürdiger Schmetterling, der Gestreifte Flechtenbär, seinen klappernden Flug vernehmen. Die dunkle Zeichnung, Streifen oder Flecken, auf den leuchtend gelben Flügeln ermöglicht es, mehrere Arten in dieser Gruppe zu unterscheiden, deren Verteilung von den Eiszeiten geprägt wurde.

Nicht alle Insekten leben am Tageslicht der blühenden Steppen. Der Hirschkäfer etwa verbringt den grössten Teil seines Lebens als grosse, weisse Larve, die faulende Stämme alter Flaumeichen verzehrt. Nach fünf Jahren, an einem schönen Mai oder Juniabend, tritt der ausgewachsene Käfer für ein kurzes Sexualleben aus. Dann ernähren sich die Hirschkäfer vom Saft, der aus einer Baumwunde fliesst. Andere Käfer wie der Halsbock und der Nashornkäfer haben einen ähnlichen Lebenslauf, abhängig von faulendem Holz und Streue. Gewisse Käfer wie die Gemeinen Rosenkäfer lieben Pollen, sodass man die ausgewachsenen oft auf den entfalteten Dolden des Laserkrautes an trockenen Hängen sieht. knabbert an den Wurzeln der Gräser. Der Erwachsene, der zirpen kann, umschwärmt an warmen Abenden im Juni und Juli die Föhren und Weiden, von denen er Blätter frisst.

Es mag überraschen, wenn im Kapitel über Trockengebiete von Weichtieren die Rede ist. Doch wer hätte nicht schon die unzähligen Weissen Heideschnecken gesehen, die sich massenhaft an Stengeln versammeln, um sich in heissen Stunden vor der Bodenwärme zu schützen? Weniger zahlreich, aber ebenfalls typisch für die Kalksteppe ist die Grosse Vielfrassschnecke, die man an ihrer konischen Form und der sehr geschmackvollen Streifung erkennt. Sie darf nicht mit der Gartenbänderschnecke verwechselt werden, die eine klassische Form und Streifen hat, die der Schalenspirale folgen. Abgesehen von diesen sichtbaren Schnecken gibt es ganz kleine, nur ein paar Millimeter grosse, die im Boden leben und sich der Beobachtung entziehen. Wer erinnert sich, dass Jean Piaget, der berühmte Psychologe, eine Dissertation über Walliser Weichtiere schrieb ?


...der Reptilien...

Ein Smaragdeidechsen-Männchen zeigt die blaue Kehle, um ein Weibchen zu verführen, das schon mit einem Dutzend Eiern trächtig ist.

Beinahe während des halben Jahres sieht man die Reptilien kaum: entweder schützen sie sich vor der Kälte in unterirdischen Verstecken (Höhlen, Felsklüften, hohlen Baumstrünken usw.) oder sie verweilen während der grossen Sommerhitze im Schatten. Man sieht sie vor allem von März bis Mai und von August bis Mitte Oktober, wenn sie sich der Sonne aussetzen. Im Frühling schätzen sie die Deckung durch Brombeerranken, die noch blattlos sind, aber vor Räubern schützen. In Regionen mit kristallinem Untergrund erwärmen sich die Reptilien nach Sonnenuntergang oft auf Steinblöcken, welche Wärme speichern. Geröllhalden, Steinhaufen und Trockenmauern aus Stein sind attraktive Orte; leider auch die geteerten Strassen !

Die Beobachtung dieser scheuen Tiere setzt voraus, dass man sich ihnen zurückhaltenden Schrittes und lauernden Auges nähert, sonst beschränkt sich die Begegnung auf ein Fluchtgeräusch im dürren Gras. Hat man das Tier erblickt, kann man es ohne Gefangennahme bestimmen. Trotzdem sind viele Begegnungen rein zufällig, abgesehen von Eidechsen wie den gut sichtbaren Mauereidechsen oder den stürmischen Smaragdeidechsen; oder man trifft auf einen zerdrückten Kadaver auf der Strasse. Deshalb kennt man von unseren zwölf Walliser Reptilien die Verteilung besser als die Biologie. Wenn die klimatischen Bedingungen und die Biotope die Verteilung und die Häufigkeit der Arten regeln, so spielt auch die Beschaffenheit der Refugien eine wichtige Rolle. Für eierlegende Reptilien sind erdige Böden nötig für das Gelege, das sie in Bauten von Kleinsäugern wie der Äskulapnatter oder in verlassenen Bauten von Smaragdeidechsen oder Mauereidechsen unterbringen.

Die berühmte Smaragdeidechse, zweifellos das am meisten wärmeliebende Reptil, zeigt sich von März bis Mitte Oktober. In der Ebene, abgesehen von Hügellandschaften, lebt dieser Riese mit der blauen Kehle auf dem Damm des rechten Rhoneufers, von Brig bis Dorénaz. Auf den Trockenwiesen der Sonnenhalden erreicht er 1500 m ü. M., sei es im Rhonetal oder in den Seitentälern, und übersteigt ganz knapp 1700 m in der Region von Visperterminen, wo der Rebstock gedeiht, der den Heidenwein liefert.

Diese Erbeuterin von Schnecken, Heuschrecken und Spinnen sucht hohe Gräser auf, die eine dicke Decke bilden. Eigentlich ist ihr die faunistische Vielfältigkeit der Steppen weniger wichtig als die Biomasse und die Bedeckung des Geländes mit Hundsgras sowie dem Gestrüpp von Schlehdorn, Sanddorn und Brombeerranken. Sie lebt auch am Rand von Eichenwäldern, wenn die Aste den Boden berühren. Jedes Weibchen legt seine Eier im Juni und Juli in mehreren Malen nach dem wohlbekannten Prinzip, dass man nicht alle Eier in den gleichen Korb legen solle.

Die harmlose Glattnatter.

Eine kleine Natter mit schwarzgekreuztem Auge, die Glattnatter, zeigt sich selten und ist deshalb wenig bekannt, sodass die Walliser sie als Viper betrachten und totschlagen. Mein Nachbar Jean-René erzählte mir eines Tages, er habe kürzlich einer Viper den Kopf abgehackt. Er rechtfertigte sich, das böse Tier sei gerade dabei gewesen, eine arme Eidechse zu erwürgen. Als ich ihm erklärte, die mit einem gefährlichen Gift ausgerüstete Viper erwürge ihre Beute nicht, packten ihn Zweifel, und er versuchte sich damit herauszureden, er sei vom dankbaren Blick der Eidechse zu bewegt gewesen. Darauf reichte ich ihm ein Bestimmungsbuch für Reptilien, das er aufmerksam durchblätterte: es war natürlich eine Glattnatter.

Unsere kleine Natter ernährt sich von Mauerechsen und Blindschleichen, kann aber auch junge Vipern verschlingen, die etwa ihre eigene Grösse haben. Aber die Rolle als Oberräuber begrenzt die Bestände. Doch ist sie sehr verbreitet bis auf mindestens 2000 m ü. M. Ich erinnere mich, sogar eine gesehen zu haben, die den Güterbahnhofplatz von Sitten überquerte, gut versteckt im kleinen Graben zwischen den Schienen. Im Unterschied zu den anderen Nattern ist sie lebendgebärend.

...und der Vögel

Singendes Steinhuhn, falls man seinen rauhen Ruf Gesang nennen kann.
Männliche Zippammer am Eingang ihres Nestes unter einem Grasbüschel. Man beachte das bettelnde Junge.

Die Heidelerche erkennt man am kurzen Schwanz und von vorne an einem kleinen schwarzen Fleck, der weiss umrandet ist und den Flügelbug ziert. Sie ist die einzige unter unseren Lerchen, die sich manchmal auf einen Baum setzt. Im Flug singt sie lülülü lull lülü lülülü lilü (vgl. wissenschaftlichen Namen), wenn sie über ihrem zukünftigen Brutort kreist. Im Wallis begab sich die kleine, für Magerwiesen typische Lerche sogar auf Karottenfelder... bevor für diese Kulturen Plastiktücher verwendet wurden. Lülülü lülüli lilü lülü lülülü, diese Ballade der kleinen Lerche gehört zu jenen Stimmen, die über der Rhoneebene verstummt sind. Weder die ausgedehnten Berggebiete noch der Rasen der Golfplätze werden ihr je Nistgelegenheiten bieten. Es bleiben ihr nur die möglichst grossen Steppen, also sehr wenig Raum. Es sei denn, sie richte sich auf den grasbedeckten Rebhängen ein, die sich immer weiter ausdehnen.

Das Steinhuhn, das auch auf den Steppenweiden lebt, kolonisiert die Trockenhänge bis auf über 2000 m ü. M. Dieses prächtige Wildhuhn mit roten Füssen, seitlich schwarz gestreift, mit grauem Rücken und grauer Kopfhaube, bildete einst zahlreiche Scharen, als es aus den Getreidefeldern Nutzen ziehen konnte. Damals war es auf den berühmten Hügeln von Sitten zu sehen. Seither ist es auf wilde Biotope verbannt. Es ist in vereinzelte, stark isolierte Sektoren entwichen und so selten geworden, dass es nicht mehr bejagt wird. Einige günstige Winter haben es scheinbar ermöglicht, dass seine Bestände wieder zunehmen.

Die Nachtschwalbe, wie es der Name sagt, ein Segler in der Nacht, ist mit einem winzigen Schnabel, aber dem grössten aller Mäuler in der Vogelwelt ausgerüstet. Zeitgenossen des Aristoteles hatten Mühe sich vorzustellen, dass sie Nachtfalter schnappen könne und nannten sie irrtümlicherweise Ziegenmelker, lateinisch Caprimulgus.

Nach einer Reihe von Schönwettertagen kommen sie anfangs Mai aus Afrika. Die Männchen benützen ihre erste Nacht in Europa, um sich mit ihrem laut tönendem kruit kruit gegenüber den Nachbarn zu behaupten. Mit der Rückkehr der Weibchen, 5 bis 6 Tage später, beginnt der Balzfiug mit schnurrendem Gesang und Flügelklatschen. Bei diesen Luftspielen stellt das Männchen gelegentlich seinen Schwanz senkrecht und zeigt die weissen Flecken, die seine Silhouette im Dämmerlicht sichtbar machen. Später muss man in Vollmondnächten auf das nicht enden wollende rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr der Nachtschwalbe achten. Mit etwas Glück werden Sie, zwischen Dämmerung und Nacht, eine Art Turmfalken erkennen, der weisse Flecken trägt, die an Positionslichter eines Flugzeuges erinnern, und der wie ein Schattenspiel über den noch hellen Himmel huscht.

Vorwiegend an Südhängen lebend, scheint die Nachtschwalbe vor allem offene Wälder aufzusuchen, mit lichten Buschbeständen, aber durchsetzt mit zwar toten, jedoch noch stehenden Bäumen. Es kann vorkommen, dass diese Bedingungen in der Nordexposition auf sehr jungen und steinigen Böden erfüllt sind, aber umgekehrt wachsen gewisse Kiefernwälder der Südhänge auf so tiefgründigem, feuchtem, stark entwickeltem Boden, dass das Unterholz die Nachtschwalben abstösst. Windwurf, Brände und Angriffe von Borkenkäfern übernehmen es, die Vegetation zu verjüngen, was zyklische Verschiebungen auslöst. Die Nachbarn verteidigen entschieden ein Gebiet von etwa fünf Hektaren und mittleren Abständen von 250 m. Doch gelegentlich fliegen sie über einen Kilometer aus ihrem Sektor hinaus und können gemeinsam ein nahrungsreiches Areal ausbeuten.

Antoine Sierro hat fünfzig Paare im Wallis gezählt. Diese Wärmeliebhaberin hat grössere Chancen zu überleben als der Wiedehopf, Würger und andere Bewohner der Kulturen: der Wald ist verhältnismässig gut geschützt. Zudem ist sie fähig, sich empfindungslos zu machen und so die Kälteeinbrüche zu überstehen, die den Insektenfressern die Nahrung vernichten.

Siehe auch