Turmfalke

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Turmfalke

Der Turmfalke — rotbrauner Rücken, Kopf und Schwanz beim Männchen graublau - ist kleiner als sein Vetter Wanderfalke und begnügt sich mit bescheidenen Felswänden, sodass er in jedem Tal passende Brutorte findet. Seinen Nachbarn gegenüber tolerant, lebt er in kleinen Kolonien, wenn nur seine Beutetiere — Kleinsäuger und Reptilien — reichlich vorhanden sind. Doch das genügt, um ihn zum meistverbreiteten und vielleicht häufigsten Raubvogel des Kantons zu machen. Auch die Höhe schreckt ihn nicht ab, befindet sich doch das höchstgelegene Nest Europas oberhalb von Grimentz auf 2850 m ü. M.

Im Wallis nisten die Turmfalken vorwiegend in Nischen von Felswänden, ohne ein Nest zu bauen. Die vier Jungen in diesem Horst tragen schon gut entwickelte Federn. Die Weideröschen, die auf dem Kompost von Beuteresten und Vogelmist wachsen, beweisen, dass der Horst seit Jahren schon bewohnt ist.

Es ist der Turmfalke, der an Ort fliegt, um seine Beute zu suchen. Er ist der kleine weissschimmernde Vogel, der über den Alpweiden den Adler angreift, ihn mit dreisten Sturzflügen und kühnen Angriffen von unten bedrängt. Er ist es auch, der mit den etwa gleich grossen Alpendohlen Räuber und Polizist spielt.

Für die zwischen 1000 und 1500 m nistenden Paare bringt der April den Höhepunkt der Paarungsaktivitäten. Die lärmigen kleinen Falken künden ihre Ankunft am Brutplatz mit durchdringender Stimme an, hitzige kikikikikiki und schmetternde vrîîîîîîî verraten liebestolle Erregung. Das Männchen sticht dann mit seltsam nervösem, vibrierendem Flug in den Himmel, nur die Spitzen der Flügel, die es unterhalb der Horizontalen hält, bewegend. Mit akrobatischem Flug, die Flügel über dem Rücken zu einem V erhoben, lässt es sich schliesslich in den Felsen nieder. Auf diese Weise zeigt es dem auserwählten Weibchen den Nistplatz an. Aber die Drehungen und Wendungen genügen nicht: das Männchen muss es noch ermuntern seine Werbung anzunehmen, indem es Opfergaben darbringt, die von Schnabel zu Schnabel gehen. Daran kann das Weibchen seine Fähigkeit ermessen, ein Nest voll kleiner Falken auffüttern zu können.

Da er die gleiche Beute sucht wie der Mäusebussard, weicht der Turmfalke der Konkurrenz aus bei der Wahl des Nistplatzes, verzichtet auf die Jagd im Wald, die sein Kumpan ausübt, und fliegt so häufiger und höher in die Berge. Diese guten Manieren bezahlt er allerdings mit der grösseren Schwierigkeit hier zu überwintern.

Im Entremont-Tal, im Eringtal, in Derborence, bei Leukerbad und im Mattertal bewohnt die Mehrheit der Paare niedrig gelegene Felsen. Zur Zeit des Nestbaues, wenn der Schnee noch die Gipfel bedeckt, beuten diese kleinen Falken die Umgebung des Nistplatzes aus. Sie steigen regelmässig über die Waldgrenze hinaus, wenn das Gras der Mähwiesen gewachsen und die Jagd deshalb schwieriger geworden ist. Dieses Vorgehen gestattet es, nach dem Heuet in die Nähe der Nistplätze zurückzukehren, und die Beutezüge zu verkürzen, wenn die schon grossgewachsenen Küken viel verzehren. Später ziehen die Familien auf die Alpweiden, wo die Jungen Heuschrecken jagen können, bis der Schnee kommt.

Aus diesen Gründen stellen die Horste über der Waldgrenze eine Seltenheit dar: vom Mont-Noble zum Sasseneire, vom Illhorn zum Tounôt ist ein einziger Fels belegt. Die Erklärung dieser erstaunlichen Situation habe ich gefunden, als ich einen Turmfalken sah, der mit einer Feldmaus beladen von Loveigno oberhalb von St. Martin hinunterstiess - nach Combioula, tiefer als die Pyramiden von Euseigne gelegen. Fast 2000 m Höhenunterschied. Die Paare im Gebirge nisten später und bewohnen die trockensten Regionen der Alpen, wo die Baumgrenze ihren höchsten Stand erreicht.

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