Vögel der Wälder

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Die Meisen der Nadelbäume: Alpenmeise, Haubenmeise, Tannenmeise.

Mehr als die Hälfte der 190 Vogelarten, die in der Schweiz brüten, leben im Wald, der auch den Dichterekord hält. Dies aus mehreren Gründen.

Der Sammelbegriff "Wald" umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Pflanzengesellschaften, welche die Entwicklung eines breiten Spektrums von spezialisierten Vogelarten zulässt. So leben Fichtenkreuzschnabel, Wintergoldhähnchen, Hauben-, Alpenund Tannenmeise nur in Nadelwäldern, wogegen Pirol, Blaumeise und Nonnenmeise Laubbäume vorziehen. Die Bergregion, in der die Laubbäume mehr und mehr den Nadelbäumen weichen, spielt eine Scharnierrolle: Eichelhäher und Amsel überschreiten kaum je 1600 m ü. M., Tannenhäher und Ringamsel dagegen beleben vorzugsweise Wälder, die über dieser Höhe liegen. Die Raubvögel Mäusebussard, Habicht und Waldkauz kümmern sich kaum um Botanik; wichtig ist für sie, dass der Speiseschrank gut gefüllt ist.

Verschiedene Vegetationsstufen eröffnen vielseitigere Möglichkeiten als eine Wiese, auf der alle Vogelarten am Boden nisten und sich ernähren müssen. Haselhühner, Rotkehlchen und Laubsänger leben bodennah, Spechte und Kleiber an den Stämmen, Meisen auf den Ästen und Goldhähnchen schliesslich auf zartesten Zweigen. So bringen Bäume eine dritte Dimension ins Spiel und ermöglichen Lebensräume, die sich überlagern wie Stockwerke in einem Wohnblock.

Die Geschichte des Waldes, sein Alter, seine Lage, seine Bewirtschaftung und die Stürme, die er erlitten hat, ergeben vielfältige Strukturen, offene oder geschlossene, zusammengesetzt aus Stämmen, günstig für Auerhühner, oder aus Gebüschen, die gerade richtig sind für Laubsänger und Grasmücken. Ein Sturmwurf bietet tote Bäume für Spechte und gleichzeitig dichtes Wirrwarr für Haselhühner. Geschlossene, sonnenarme Wälder, die aus gleichaltrigen und gleichartigen Bäumen bestehen, sind arm an Vogelarten.

Weil unsere Wälder besser erhalten sind als die Steppen und Sümpfe, haben sie keine einzige typische Vogelart verloren. Raubvögel und Hühnervögel, die aus dem Feldgehölz der Rhoneebene und der Haupthänge vertrieben wurden, fanden noch eine Unterkunft in der Stille der Bergwälder, weit entfernt von den Fahrstrassen.

Ferner ergibt sich dieser Reichtum aus der Schutzrolle der Wälder, die — ähnlich wie Felswände — von Brutvögeln besetzt sind, die sich, wenigstens zum Teil, in der unmittelbaren Umgebung ernähren. Etwa Drosseln, Mäusebussarde und weitere Arten, die lichte, parkähnliche Wälder schätzen.

Die Hühnervögel unserer Wälder

Haselhahn auf einem Vogelbeerbaum sitzend.

Der Auerhahn, der wunderbare "Waldgeist", lebt im Wallis nur noch an vier oder fünf Orten, und seine Population dürfte 10 bis 20 Vögel nicht übersteigen. Er hat wahrscheinlich nie in den trockenen Wäldern oberhalb von Martigny gelebt. Auch im Chablais geht er zurück - wie in der gesamten Schweiz. Dieser scheue Riese braucht Stille, um in Ruhe die Beeren zu picken, die er gerne hat; er braucht die Äste hoher Bäume als Sitzstangen, viel freien Raum für seine Balz sowie lichtes Untergehölz voller Beeren und Insekten, welche die erste Nahrung der Jungvögel darstellen. Die neuen Bewirtschaftungsmethoden im Wald und auf den Weiden wie auch die Freizeitaktivitäten versprechen ihm keine schöne Zukunft.

Das Haselhuhn lebt zweifellos in allen Wäldern des Kantons zwischen 600 und 1800 m ü. M. Scheu und im dichten Unterholz kaum sichtbar, wird dieses Waldhuhn mit den warmen Federfarben, in denen Rotbraun überwiegt, nicht bemerkt. Man muss seine Tritte im Schnee erkennen, die Narben abgerissener Knospen beachten, seine massigen Kotkugeln und die Federn nach der Mauser finden, die Vertiefungen, in denen es ein Sandbad nahm oder die Ruheplätze sein können, entschlüsseln, um seiner Anwesenheit in einem Wald sicher zu sein. Und um sich auf den Gesang des Männchens zu verlassen, zwischen Mitte März und anfangs Mai, genügt es nicht, ein gutes Ohr zu haben, sondern man muss ein schrilles Pfeifen beachten können, das auf 100 m kaum hörbar ist und an das Ende des Liedes eines Waldbaumläufers erinnert. Es bleibt noch das typische Geräusch, das entsteht, wenn die Hühnervögel mit den kräftigen Schwungfedern auffliegen, um das Haselhuhn zu verraten und dabei noch den runden Schwanz zu erblicken, der beim Männchen eine schwarze Binde trägt. Die Flucht des Haselhuhns führt nicht unbedingt sehr weit: darum konnte ich in aller Ruhe ein Männchen beobachten, das sich hinter einem Ast versteckt hatte und sich damit begnügte, das eine Auge zu verbergen.

Haselhühner sind monogam. Sie besetzen anfangs September Territorien von 10 bis 12 ha. Die Paare, die sich bilden, können sich im Winter trennen und sich im Frühling wieder vereinigen, ohne dass man erkennen kann, ob es die gleichen zwei Individuen sind. Im Winter sucht dieses kleine Waldhuhn seine Nahrung auf den Bäumen, und zwar Triebe und Knospen der Eberesche, Weide und Erle sowie Haselnuss- und Birkenkätzchen; Nadelbäume meidet es. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass man das Haselhuhn in offenen Wäldern findet, die genügend Licht durchlassen für die Büsche im Unterholz, oder in Jungwäldern mit viel Gebüsch. Im Rechy-Tal lebt in jedem feuchten, mit Weisserlen bestockten Tobel ein Paar. Unter solchen Bedingungen berühren sich die benachbarten Territorien kaum, und die grossen Wälder ohne Unterholz sind überhaupt nicht bewohnt. Vom Juli bis in den November sucht das Haselhuhn Waldbeeren, verschmäht aber auch nicht die Samen von Seggen und anderen Gräsern. Im Frühling begnügt es sich mit proteinreichen jungen Trieben.

Das Birkhuhn, das an der oberen Waldgrenze lebt, meidet die Wälder des Hasel- und des Auerhuhns. Drängt ein harter Winter das Schneehuhn bis zur oberen Waldgrenze zurück, kann das Birkhuhn auf einem Baum sitzen, während sein "Konkurrent" am Boden bleibt. Das zeigt deutlich die Aufteilung der Ressourcen durch die Wahl des Lebensraumes.


Ein Waldbaumläufer mit seiner Brut in einem hohlen Baum.
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1) Die für Kulturen und Wohnstätten günstige Lage und Topogtaphie schliessen ausgedehnte Wälder am Sonnenhang des Mittelwallis aus. Rechtsufrig, zwischen Fully und Brig, ist die grosse Waldfauna wie Luchs, Hirsch und Schwarzspecht in die Seitentäler verdrängt worden. Aus gleichen Gründen nisten dort die Raubvögel des Waldes im Mittel höher als auf der Schattenseite, und bei den Fledermäusen ist das an Steppen gewohnte Kleinmausohr vor allem am rechten Ufer anzutreffen, während das im Wald beheimatete Grossmausohr eher südlich der Rhone jagr.



2) Während sich Windwürfe schliessen, verlassene Lichtungen bewachsen werden, Waldränder sich ausrichten, ist der Wirbelsturm Viviane gerade rechtzeitig gekommen, um neue Löcher zu öffnen und die Laubbäume zu begünstigen. Im Naturschutzwald von Derborence hat dieser Sturm die Gleichgewichte gestört und einen neuen Zyklus ausgelöst.



3) Nach einigen Jahrhunderten intensiver Nutzung haben unsere Wälder seit etwa 1950 wieder etwas Freiheit erhalten. Wir müssen erkennen lernen, dass im Durcheinander von Gebüschen, toten Bäumen und Laubwerk eine Chance liegt für die Liebhaber von Verwesung und für höhlenbewohnende Tiere sowie Ressourcen für die Tiere der Laubwälder angeboten werden.



4) Wie die Hochwässer der Flüsse lösen Lawinen Zyklen aus. Die zerstörerische Kraft der Natur ist lebenswichtig für die Pionierarten, die aus dem Unterholz verbannt sind. Hier ein Lawinenzug im Triqueut-Tal (Derborence).




Die Aufteilung der Ressourcen bei den Körnerfressern

Diese zwei Fichtenkreuzschnäbel betteln um ein Körnermus.

Wie sein Name besagt, decken sich beim Fichtenkreuzschnabel Ober- und Unterschnabel nicht, sondern kreuzen sich. Diese "Anomalie" ist ein ideales Werkzeug, um aus den Zapfen von Fichten und Lärchen die geflügelten Samen herauszupicken, bevor sie zu Boden fallen. Um den eigenartigen Schnabel zu bewegen, bedarf es einer starken, asymmetrischen Muskulatur und eines entsprechend grossen Kopfes. Die starken Krallen sind nötig, um kopfabwärts zu den hängenden Zapfen zu gelangen.

Es ist nicht uninteressant zu wissen, dass es in Eurasien drei Arten von Kreuzschnäbeln gibt: der Bindenkreuzschnabel ernährt sich vorwiegend von Samen der Lärche, dem wichtigsten Baum seiner Heimat Sibirien, und zeichnet sich aus durch einen sehr kleinen Schnabel, im Gegensatz zum Kiefernkreuzschnabel, der sich an die harten Kieferzapfen Skandinaviens gewöhnt hat. Offenbar ist unser Fichtenkreuzschnabel einen Kompromiss eingegangen.



Da er fast ausschliesslich auf eine einzige Pflanzenart eingestellt ist, muss der Kreuzschnabel dem Fruchtzyklus seiner Nährpflanzen folgen, um sich fortzupflanzen. Das äussert sich in einem nomadenhaften Herdenleben, das jährliche Verschiebungen der Bestände, abhängig vom lokalem Überfluss an Zapfen, mit sich bringt. Auch die Periode des Brütens überrascht, richtet sie sich doch nicht nach der Jahrezeit, sondern nach der Reife der Samen. Die Zapfen bilden sich im Spätsommer, reifen langsam und öffnen sich drei (Larix, Abies), neun (Picea), sogar 22 (Pinus) Monate später. Die verschiedenen bei uns vorkommenden Baumarten erlauben dem Fichtenkreuzschnabel, zu jeder Jahreszeit zu nisten. In Wirklichkeit findet man die meisten Nester von Januar bis Mai, sodass die Brutzeit nicht so lang ist, wenn man nur ein Jahr betrachtet.

Der Kreuzschnabel, der im Winter brüten kann, bringt seinen Jungen keine Insekten und brütet schon vom ersten Ei an, um jede Frostgefahr zu bannen. Deswegen ergeben sich beachtliche Grössenunterschiede bei einer Brut und regelnde Sterblichkeit, wenn der Futternachschub schwierig ist. Nach dem Ausfliegen bleiben die Jungen in der Familie, solange die Hornbildung des Schnabels ihnen nicht die selbständige Futtersuche ermöglicht, und das dauert etwa zweimal länger als bei den übrigen Finken.Nicht nur der Kreuzschnabel ist an den Früchten der Nadelbäume interessiert. Auch der Erlenzeisig, Birkenzeisig und Zitronenfink lieben sie. Doch der Kreuzschnabel bedient sich ausschliesslich auf Bäumen, während die beiden letztgenannten Samen nur am Boden aufnehmen können. Der einzige Rivale des Kreuzschnabels ist der Erlenzeisig, der mit seinem feinen Schnabel die Samen erreicht, sobald die reifenden Zapfen sich öffnen. Für die Körnerfresser sind das Eichhörnchen und der Buntspecht weit gefährlichere Konkurrenten, weil sie die Zapfen auseinandernehmen können, um zu den Samen zu gelangen. Aber diese zwei Tierarten von geringer Anzahl und Mobilität können die Jahre des Überflusses nicht nutzen.



Ein Tannenhäher öffnet einen Arvenzapfen. Man beachte das Samenkorn in seinem Schnabel.
Solche ohne Zögern gegrabene Öffnungen beweisen, dass die Tannenhäher ihre Verstecke kennen.

Der Tannenhäher ist ein Waldrabenvogel wie der Eichelhäher. Während letzterer als Liebhaber von Eicheln vornehmlich in der Hügelzone lebt, hält sich der Tannenhäher in Bergwäldern auf, die er lediglich verlässt, um in tieferen Lagen gelegentlich Kirschen oder Haselnüsse zu pflücken. Weil sie in Paaren leben, die fürs Leben verbunden bleiben, verteidigen die Tannenhäher ein Territorium von etwa zehn Hektaren, in welchem sie jeden Herbst Vorräte an Arvensamen für den Winter anlegen. Ist die Produktion ihres Reviers einmal ungenügend, zögern die Paare nicht, bis zu zwölf Kilometer zurückzulegen, um sich bei einem begüterten Nachbarn zu bedienen, selbst auf die Gefahr hin, dass dieser im folgenden Winter Gegenrecht fordert. Dann sieht man sie hin und her fliegen, über Täler, längs Hängen, mit leerem Kropf auf dem Hinweg, mit vollem auf dem Rückweg.

Wenn man die in den Schnee gegrabenen Gänge sieht, die im Winter geöffnet werden, um zu den Vorräten zu gelangen, ist man gezwungen anzunehmen, dass Tannenhäher die hinterste Ecke ihres Territoriums kennen oder über ein ausserordentliches Erinnerungsvermögen verfügen. Sterben sie oder haben sie zu viele Vorräte angelegt, entsteht aus diesen eine Kinderstube für Arven und damit ist für die Verbreitung dieses prächtigen Hochgebirgsbaumes gesorgt.

Den Gimpel, der in allen unseren Wäldern weit verbreitet ist, erkennt man an der Fistelstimme und am roten Bauch des Männchens. Er ist auch berüchtigt wegen den Schäden, die er in den Baumgärten anrichten kann, vor allem an Aprikosenbäumen, deren Knospen er abpickt. Es hat den Anschein, als seien solche Einbrüche in die Kulturen auf Futtermangel in den Wäldern zurückzuführen; das kommt aber nicht jedes Jahr vor.

Siehe auch