Zwei Waldraubvögel

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Kopf eines Habichts
Ein junger Habicht zerlegt eine Amsel. Die gestreiften Bauchfedern und die von einem gelblichen Rand eingefassten Flügeldeckfedern verraten sein Alter.

Mit seinen gewaltigen Flügeln von 120 cm Spannweite rudert der Mäusebussard schwerfällig. Doch die Eleganz seines Schwebefluges lässt seine Plumpheit vergessen. Um kleine Säugetiere und Reptilien zu erhaschen oder sich mit Aas zu versorgen, sind keine spektakulären Flugleistungen gefragt. Der perfekte Segler erspäht seine Beute im Flug, mühelos und ohne anzusitzen. Wenn er sich über offenes Gelände begibt, so ist das auf die gute Sichtbarkeit der reichlich vorhandenen Wühlmäuse zurückzuführen; er fühlt sich aber gleichermassen wohl über lichtem Unterholz.

Der Habicht ist der typische Raubvogel der Wälder: mit breiten, aber kurzen, abgerundeten Flügeln, einem langen Schwanz, der Kehrtwendungen erleichtert, ausgerüstet, manövriert er mit grosser Geschwindigkeit zwischen Bäumen und Ästen, verfolgt mit Ausdauer seine Beute und schnappt sie. Er ist ein entsetzlicher Fleischfresser, der sogar jene angreift, die grösser sind als er: Waldohreule, Waldkauz, Mäusebussard, Schwarzmilan, Kolkrabe, Hase, Eichhorn, Birkhuhn und Schneehuhn, ergänzend auf der Speisekarte noch Eichelhäher, Tannenhäher, Drosseln und Amseln.

Zum Nisten ist er an Wälder gebunden, seine Jagdflüge übt er indessen über Feldern, Dörfern und Alpweiden bis auf 2600 m ü. M. aus.

Inhaltsverzeichnis

Trügerische Seltenheit

Wegen ihrer Ernährungsweise und Jagdtechnik sind Mäusebussarde gut sichtbar. Im Winter in der Nähe von Autobahnen und Mülldeponien hockend, im Sommer einen langgezogenen, miauenden Ruf ausstossend, wenn sie Wiesen überfliegen, zeigen sich die ziemlich grossen Bussarde so häufig, dass man den Eindruck einer grossen Anzahl erhält. Dabei nisten im ganzen Kanton lediglich 200 bis 300 Paare.

Die Habichte dagegen sind, zurückhaltender und verlassen die Wälder und Gebüsche selten. Ihre blitzschnellen Angriffe führen sie im Tiefflug, dicht über dem Boden, aus und benützen jeden Busch, jede Bodenwelle als Deckung, um ihre Angriffe zu tarnen und die Beute zu überraschen. Da sie für den Rüttelflug gebaut sind, segeln sie selten. So trägt alles dazu bei, sie seltener erscheinen zu lassen, als sie wirklich sind; es nisten jedoch im Wallis gleichviele Habichtspaare wie Kolkrabenpaare, etwa 150.

Um die genaue Anzahl der beiden Raubvögel zu kennen, genügt es, die Horste zu zählen. Man kann sie am besten zu Beginn der Paarungszeit erkennen, wenn diese Vögel in ihrer Ausgelassenheit ihre Zurückhaltung verlieren.

Hochzeitstänze - die Balz

Die Balz der Bussarde und Habichte beginnt mit den ersten schönen Tagen im Februar und dauert bis zur Ablage der Eier im April; am intensivsten ist sie im März. Die Bussarde zeigen sich während Stunden, vereinigen sich zu 2, 3 und 4 Paaren, kreischen mitten am Tag hoch am Himmel. Die Mäusebussarde fliegen im Girlandenflug wie die Adler oder führen wie die Kiebitze einen speziellen Ruderflug aus. Am Ende einer Begegnung fliegen sie zu zweit in verschiedenen Richtungen davon: diese 6 oder 8 Bussarde leben auf 60 oder 80 km2. Im Gegensatz zum schweizerischen Mittelland, wo man maximal ein Paar pro Quadratkilometer finden kann und die Bestände sich nach dem Nahrungsangebot richten, scheint die Walliser Population sehr stabil zu sein. Jahr für Jahr nisten die Paare an den gleichen Orten, wie die Bettelrufe der Jungen im Juli anzeigen.

Das Jagdgebiet des Bussards erstreckt sich rund um den Horst wie ein Band von der Ebene zur Alp und fällt mit der saisonalen Weidewirtschaft an den Hängen zusammen. Im Herbst halten sich die Bussarde gerne an der obern Waldgrenze auf, die sie dann wieder verlassen, wenn der Schnee kommt. Zur Zeit der Brut verschieben sie sich in umgekehrter Richtung und folgen der weichenden Schneegrenze, um nach der Heumad wieder abzusteigen und in der Nähe der Nester zu jagen. Die Höhe des Grases bestimmt die Zugänglichkeit der Beute und die Verschiebungen.

Der Habicht baut seinen Horst in 10 bis 35 m Höhe auf Bäumen mit wenig Aesten. Zu den Nestern zu steigen, um die Eier zu zählen oder Beutereste zu entnehmen, setzt Schwindelfreiheit voraus.

Unsere Bussarde scheinen sesshaft zu sein, jedenfalls bleiben sie das ganze Jahr über, sogar in der Nähe von Dörfern wie Evolène und Vens. Sie sind dann zurückhaltend, wahrscheinlich aus ökonomischen Gründen, und sammeln sich um Deponien und liegengebliebene Überreste von Haustieren. Im Tiefland wird die Anzahl durch einige Wintergäste aus Nord und Ost erhöht, während die eingeborenen Jungen nach Süden ziehen.

Zur Zeit der Paarung legen die Habichte eine abweichende Verhaltensweise an den Tag, die sich bei ihren Kleinvettern, den Sperbern, wiederfindet. Noch scheuer als die Bussarde lassen sie sich, oft einzeln, für ein paar Minuten am Tag blicken, um dann wieder im Sturzflug im Wald zu verschwinden. Die Weibchen lassen sich von den Männchen ernähren, schon 1 bis 2 Monate vor dem Eierlegen und dann bis die Jungen allein im Nest verbleiben können. Sie sitzen knapp unterhalb der Wipfel hoher Bäume, im allgemeinen auf Lärchen, die noch keine Nadeln tragen, und zeigen so, oft während Stunden, jedem, der sie sehen will, ihre breite Brust - sie sind um 1/3 grösser als die Männchen. Von weitem ist die dunkle Streifung der Brust nicht zu erkennen, sodass das Habichtweibchen im finstern Wald wie ein weisser Fleck erscheint. Ein- bis zweimal am Tag fliegen sie weg, lange Schleifen über dem ausgewählten Standort ziehend. Es handelt sich dabei nicht einfach um einen Jagdflug, denn sie stellen ihre weissen Unterschwanzdecken aufwärts - jene Federn, die den Steiss bedecken -, die dann eine Art Büschel bilden, der auch von oben zu sehen ist, weil die Unterschwanzdecken beidseits unter den Oberschwanzdecken hervortreten. Nimmt die Erregung zu, schlagen sie mit den Flügeln in so seltsamer Weise, dass man glaubt, diese seien aus Gummi. Das gleicht sehr dem Flügelschlag der Weihen. Schliesslich werfen sie sich auf dem Höhepunkt der Erregung aufwärts, um dann umso besser mit geschlossenen Flügeln abtauchen zu können. Der Sturz wird brutal beendet durch ein steiles Aufsteigen - immer noch mit geschlossenen Flügeln -, so als wäre der Vogel auf ein unsichtbares Trampolin geprallt.

Nachdem die Höhe wieder gewonnen ist, setzt sich der Flug horizontal fort. Diese Tauchflüge können mehrmals hintereinander oder auch nur ein einziges Mal erfolgen. Zum Schluss verschwindet der Habicht mit einem langen Sturzflug ins Unterholz, wo sich sein Horst befindet.

Beim Horst

Kopf eines Mäusebussardes

Im Wallis nisten die meisten Mäusebussarde um 1000 m, nicht allzuweit von der Ebene entfernt. Die höher gelegenen Horste finden sich hauptsächlich in den Seitentälern, wo sich der Talweg oberhalb der genannten Höhenlage dahinzieht. In der Regel wird auf Bäumen gehorstet, einige Paare aber folgen dem Muster des Adlers und wählen Felsen.

Der Habicht lebt ausschliesslich auf Bäumen und baut seinen Horst mehr als 20 m über dem Boden auf grossen Bäumen, die unten keine Äste haben. Jedes Paar belegt 2 oder 3 angestammte Horste im Umkreis von einigen Dutzend Metern. Benachbarte Brutplätze, im Mittel 1500 m voneinander entfernt, liegen so tief als möglich auf den Seitenhängen des Pdionetales (wegen der Waldbedeckung rechtsufrig etwas höher als linksufrig), in den Seitentälern vermehren sich einige Paare jedoch in grosser Höhe, in der Nähe von Zermatt beispielsweise auf 2000 m.

Da die Horste jeden Frühling frisch benützt werden, brechen mit der Zeit die sie tragenden Äste. Ich erinnere mich, einen "fossilen" Horst gefunden zu haben - es war ein von Brombeerranken überwachsenes Hügelchen -, der direkt unter einem ein Stockwerk höher wieder aufgebauten Horst lag. Das beweist, dass die Stätte über lange Zeit durch sich folgende Generationen belegt war.

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