Drei Bergvögel

Jeder Freund des Tourenskifahrens wurde sicher schon überrascht, als plötzlich aus unberührter Schneedecke ein, dann zwei oder drei, sogar vier, fünf schwarze, blauschimmernde Teufelchen, heftig mit den Flügeln schlagend, aufsprangen und sogleich unter tieferliegenden Arven verschwanden: das Birkhuhn.

Zu dieser Jahreszeit verbringen Birkhühner die ganze Nacht und den grössten Teil des Tages in Iglus, die sie in den Pulverschnee gegraben haben. Sie entziehen sich so der Sicht ihrer Feinde und der bissigen Kälte, weil die Temperatur in den Iglus kaum unter 0° C fällt. Die 35 bis 80 Kotkügelchen, die nach der Schneeschmelze in kleinen Vertiefungen liegenbleiben, dienten der Isolierung. Im Hochwinter verlassen Birkhühner ihre Schutzlöcher nur in der Morgen- und Abenddämmerung; im ganzen zwei Stunden täglich, bei jedem Wetter, um sich von Lärchenzweigen und Fichtennadeln zu ernähren. Im Mai und Juni ziehen Birkhühner die frischgewachsenen Lärchentriebe vor, doch Heidelbeeren, Preiselbeeren und Alpenrosen decken zu 60% den jährlichen Futterbedarf.

Vorausgesetzt, man entdecke die kleine Einsenkung, die das Dach des Iglus andeutet, und man halte sich in gebührendem Abstand auf, so kann man dem abendlichen Ausgang des Birkhuhns beiwohnen. Es streckt zuerst den Kopf hervor, um die Umgebung zu inspizieren; durch die Stille beruhigt, entschlüpft es seinem Loch, nähert sich gemächlich einer jungen Lärche und beginnt die Triebe zu beknabbern. Gelegentlich, wenn junge Bäume, deren Aeste vom Boden aus erreichbar wären, fehlen, sehen sich zwei oder drei Hühner gezwungen, eine hundertjährige Lärche zu besetzen und an deren Zweigen fast ohne Bewegung zu picken. Nach 45 bis 50 Minuten flattert ein gesättigter Vogel herab auf den Schnee und lässt sich nach und nach darin versinken, bis er in seiner neuen Wohnstatt verschwindet. Meistens werden die Unterstände in der Nähe eines Nährbaums gegraben, jedoch immer so freistehend, dass ein plötzliches Wegfliegen sichergestellt ist.

Falls es die Topographie verlangt, dass ein Winterquartier an einem Grat angelegt werden muss, kann dieses gut einige zehn Meter vom Futterplatz entfernt liegen, denn die Birkhühner haben ihre Iglus im angewehten Schnee gegraben und müssen auf die schneefreie Seite des Grates gelangen, um zu weiden. Die langen Fährten mit den typischen Spuren – drei gespreizte Zehen – zeigen, dass die Birkhühner nicht gerne bergaufwärts fliegen.

Wenn der Frühling kommt, verlängern die Männchen ihren täglichen Aufenthalt ausserhalb des Iglus und widmen, vor allem morgens, ihren Verlobungstänzen auf den angestammten Balzplätzen, die ihnen gute Sicht bieten, um Räuber auszumachen, und Gelegenheit, um sich den Weibchen in rituellen Paraden zeigen zu können, immer mehr Zeit. Die Balzplätze werden regelmässig von Ende April bis Mitte Juni und wieder zwischen September und Dezember aufgesucht.

Ebenso zahlreich wie die Männchen, aber scheuer, sind die Weibchen. Sie sind haushälterischer, treten nur zum Fressen in Erscheinung und ernähren sich gelegentlich im Inneren einer Arve oder Fichte, sodass man sie gar nicht sieht. Während die Hähne ihr Leben lang den Tanzplätzen treu bleiben und sich nur in einem Umkreis von knapp einem Kilometer bewegen, scheinen sich die Weibchen nie länger als ein Jahr am selben Ort aufzuhalten; so wird das Risiko der Inzucht vermindert.Ende Mai und anfangs Juni beginnt zur Zeit des Vollmondes zwei Stunden vor Sonnenaufgang ein typisches Gurren und Zischeln. Die paarungsbereiten Weibchen suchen die Tanzplätze auf, sodass die frühmorgendlichen Aktivitäten mehr als fünf Stunden dauern können; davon sind mindestens drei der Balz gewidmet.

Birkhühner finden sich im ganzen Kanton zwischen 1700 und 2200 m ü. M., vorwiegend an nach Ost und Nord exponierten Hängen. Sommers und winters bewohnen sie nur die Waldgrenze, wo Lärchen und Arven zurückweichen, der Wald ausfranst und das Gelände den Heidelbeeren und Alpenrosen überlässt. Gelegentlich steigen sie hinab bis auf 1700 m, auf Weidlandlichtungen oder an Ränder voralpiner Waldinseln. Man kann ihren Lebensraum als Gürtel betrachten, der etwa 500 m breit die Berghänge zwischen Maiensässen und Alpweiden durchzieht.

Genaue Zählungen ergaben, dass die Belegungsdichte örtlich schwankt und 1 bis 10 und mehr Männchen pro km2 beträgt. In abseits gelegenen Regionen können sich 10 bis 20 Männchen auf den Tanzplätzen einfinden. Der Bau von Skipisten hat aber die Biotope der Brutplätze zerstört, und das Variantenskifahren verhindert die Überwinterung. In derart gestörten Regionen wechseln die einsamen Tänzer ihre Standplätze häufig.

Ausserhalb der Skigebiete bestimmen eindeutig die Wetterbedingungen von Ende Juni bis anfangs Juli den Bestand vom folgenden Jahr, trotz den Raubzügen von Fuchs, Habicht, Adler, Uhu und Jägern. Dieser Zeitraum entspricht den ersten Lebenswochen der Küken. Als Nestflüchter suchen sie ihre Nahrung vom ersten Tag an selbst. Das geht gut, solange die Sonne scheint. Fällt aber Regen oder Schnee, bleibt den kleinen, zarten Flaumkügelchen nur die Wahl zwischen dem Hungertod unter dem wärmenden Gefieder der Mutter oder dem Erfrierungstod im Freien mit vollem Bauch.

Sein Vetter, das Schneehuhn, lebt ausschliesslich oberhalb der Baumgrenze. Üblicherweise verlässt es sein Iglu dreimal täglich zur Nahrungsaufnahme, wird aber seines weissen Gefieders wegen kaum beachtet. Mit dem Feldstecher kann man seine Anwesenheit feststellen, wenn man die Einsenkungen verlassener Iglus in der Schneedecke und die dazwischen liegenden Spuren erkennt, die zu windumwehten Kreten führen. Das Schneehuhnernährt sich ausschliesslich am Boden und sucht wie Gemsen und Schneehasen die Kämme auf, wo sich stets ein paar vom Wind freigefegte Stellen finden. Sofern es nicht nahe einer solchen Krete schläft, wird es durch die Futtersuche gezwungen, Distanzen von 400 bis 700 m zwischen Schlafplatz und Futterplatz zu überwinden.

Auf grosse Kälte eingestellt, beginnt das Schneehuhn zu keuchen, sobald die Temperatur +16° C erreicht; darum zieht es auch Nordhänge vor. Es bewegt sich je nach Jahreszeit in verschiedenen Höhen. Wenn herbstliche Schneefälle die Hähne in die Tiefe treiben, eignen sich diese ein Territorium von 30 bis 40 ha an, das sie während des ganzen Winters verteidigen, indem sie frühmorgens, beim Verlassen des Iglus, einen kurzen Morgenruf ausstossen. Später im Jahr, wenn der Schnee weicht, werden die Rufe eindringlicher und begleiten eindrucksvolle Flüge. Diese Signale veranlassen die Weibchen, sich von ihrer Wintergesellschaft zu trennen, die Territorien aufzusuchen und Paare zu bilden. Ende Mai dauert die Nachtruhe, die im Januar 14 Stunden betrug, kaum noch von 21 Uhr bis 4 Uhr, und der ganze Vormittag ist Paarungsaktivitäten gewidmet.

Auf jeden Quadratkilometer zählt man drei bis vier Territorialhähne, von denen einige, mangels Weibchen, ledig bleiben. Die Ledigen, von den andern beherrscht, werden aus den guten Biotopen verdrängt und verschwinden früh im Jahr.

Die Glücklicheren folgen ihren Weibchen auf Schritt und Tritt und überwachen, von einem Felsblock herab, das Territorium. Diese Treue schwindet, sobald die Eier gelegt sind. Während sich die Weibchen der Aufzucht der Jungen widmen, folgen die Hähne ab Ende Juni dem sich zurückziehenden Schnee und dem Austreiben frischer, proteinreicher Pflanzen. Die Familien ziehen im Lauf des Sommers nach, um sich den grossen Herbstgesellschaften anzuschliessen, welche die im Frühling wegen des Schnees unbegehbaren Höhen bewohnen.

Die Schneehühner zeigen eine grosse Anpassungsfähigkeit an alpine Lebensbedingungen: indem sie die Legezeit unterbrechen oder verzögern, weichen sie den für die Küken tödlichen Spätfrösten aus. Vorausgesetzt, dass der August schön ist, kann mit diesem Vorgehen den oft harten Bedingungen des Bergfrühlings entgangen werden. Verbessern sich die Bedingungen nicht, legen gewisse Weibchen überhaupt nicht und ersparen sich so eine überflüssige Anstrengung.

Alpine Sperlingsvögel sind bedeutend weniger scheu als Hühnervögel. Wie die Spatzen in der Stadt picken auch Alpenbraunellen, Alpendohlen und Schneefinke die Brosamen von den Tischen der Berggasthäuser auf. Während die erstgenannten im Winter oft in die Ebene hinabfliegen, muss man schon die höchstgelegenen Skipisten und die Berghütten erreichen, um die Schneefinken, diese schwarz-weissen Sperlingsvögel, Vettern der Spatzen, anzutreffen. Einige hochgelegene Dörfer wie Chandolin oder Villa oberhalb von Evolène beherbergen jeden Winter grosse Scharen von ihnen, die sich selten unter die Baumgrenze begeben.

Während die Alpenbraunelle zum Nisten den Felsen treu geblieben ist, haben Alpendohle und Schneefink begonnen, sich menschlicher Kunstbauten zu bedienen, um ihre Nester zu bauen. Natürlich bewohnt die Mehrheit der Schneefinken immer noch die Felswände wie etwa diejenigen auf der linken Seite des oberen Réchy-Tals. Aber längst nicht alle Naturplätze sind so schön gelegen wie dieser hier nahe der Alpweiden. Im Juni sind zahlreiche Wände immer noch von Schneefeldern umgeben, welche die Schneefinken zu Futterflügen von 1 bis 2 km Entfernung vom Nest zwingen. Vier Fütterungen pro Stunde ergeben also tägliche Flugdistanzen von bis zu 90 km und oft mehreren tausend Metern Flöhendifferenz.

Mit Nistplätzen auf Masten von Sesselliften und anderen Kunstbauten auf Alpweiden werden Flugstrecken und Höhenunterschiede verringert, Zeit und Anstrengungen gespart. Die «Langdistanz-Portionen» sind zwar üppiger als die anderen, doch die Quantität wird wettgemacht durch häufigere Fütterungen der auf Kunstbauten geborenen Jungen. Auf der Kleinen Scheidegg haben zwei Drittel der Schneefinkenpopulation die Felsen verlassen und sich auf moderneren Nistplätzen eingerichtet.

Im Winter vereinigen sich die Schneefinken zu grossen Scharen und verlassen weite Regionen, um sich an günstigeren Orten mit schneefreien, windreichen Kreten und — tiefzerklüfteten Schlaf-Felsen niederzulassen. Sie nützen die Windströmungen aus, um abends die Schlafplätze mit günstigen Wärmebedingungen zu erreichen, was ihnen ermöglicht, den nächtlichen Gewichtsverlust auf nur 9% des Abendgewichts zu begrenzen ! Die Vorteile, die ein windgeschützter Unterschlupf in einer abgewinkelten Kluft bietet — 20% weniger Feuchtigkeit als draussen, vom Fels gespeicherte Wärme (bis zu 17° C Differenz) -, werden noch ergänzt durch die Bequemlichkeit des Ortswechsels am frühen Morgen, wenn der Bauch leer ist. Die bis zu 6 km entfernt liegenden Futterstellen werden rasch und mühelos im Sinkflug erreicht. Es versteht sich von selbst, dass jeder Vogel seinen Schlafplatz verteidigt. In diesem Kampf um die besten Plätze sind die Geschickteren im Vorteil: gewandt in der Nahrungsaufnahme, fliegen sie als erste zurück.

Im Frühling bleiben von den 600 bis 800 Schneefinken, die auf den 19 km2 der Kleinen Scheidegg überwintern, nur etwa eine Hundertschaft zurück, um in kleinen Gruppen von zwei bis sechs Paaren zu nisten. Die andern verteilen sich über mehr als 2500 km2 bis – zum Simplon!

Wie auch immer die meteorologischen Bedingungen sein mögen, Schneefinken bauen ihre Nester in der ersten Hälfte Mai. Das Weibchen arbeitet allein, frühmorgens und abends, und nützt den übrigen Tag, um sich zu ernähren. Ab Mitte Mai brütet es selbst aus. Obwohl es auf den Eiern schläft, brütet das Weibchen erst vom dritten Ei an richtig, dann aber während 13 Tagen. Man stelle sich den Energiebedarf vor, der nötig ist, um die Eier bei Aussentemperaturen von 0 bis 10 °C warm zu halten. Weil das Weibchen diese harte Aufgabe bewältigen muss, ohne vom Männchen versorgt zu werden, kühlen die Eier ab, wenn es zur Nahrungssuche ausfliegt. Obwohl das Nest in der Regel genügend isoliert ist und die für das Ausbrüten der Eier erforderliche Optimaltemperatur um 4° C niedriger ist als diejenige bei den übrigen Sperlingsvögel (31 statt 35° C), wendet das Weibchen 50% der zur Verfügung stehenden Energie für das Brüten auf. Treten einige Schlechtwettertage ein, stirbt es an Erschöpfung !

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