Räuber und Pestizide

Horus, der Falkengott der Ägypter, ist für grosse Geschwindigkeiten geschaffen, wie eine Mirage oder Concorde. Als hochfliegender, ausgezeichneter Jäger war der Wanderfalke bei den Falknern des Mittelalters beliebt. Einen neuen Bekanntheitsgrad erreichte er dank DDT, einem Insektizid, das beinahe zu seinem Verschwinden geführt hätte.

Seit Ende der 50er Jahre erlebten zahlreiche Raubvögel der Nordhalbkugel wie Fischadler, Habicht, Sperber, Wanderfalke und Uhu einen plötzlichen, krassen Rückgang. An den Falken, deren Bestände man kannte, liess sich der Umfang dieser negativen Entwicklung ermessen. Ein weltweites Beobachtungsnetz wurde aufgezogen. In der Schweiz erreichte diese Tierart in den 60er Jahren den Tiefpunkt mit weniger als 10 nistenden Paaren, vermutlich alle in den Alpen.

Weil viele Nester zerdrückte Eier enthielten, kam Derek Ratcliffe auf die Idee, die Dicke der Schalen von Eiern aus Museen zu messen, und es gelang ihm, eine bedeutende und rasche Abnahme der Schalendicke seit den Nachkriegsjahren nachzuweisen. In der Folge stellte man mit Hilfe chemischer Analysen in den zerbrochenen Schalen einen hohen Gehalt an DDE, einem Zerfallsprodukt von DDT, fest. Weitere physiologische Experimente zeigten, dass DDT den Kreislauf von Calzium, dem wichtigsten Aufbaustoff der Eierschalen, stört und so eine Verdünnung der Schalen bewirkt! Sodann steht fest, dass der Abbau von DDT Jahre beansprucht, dass es im Fett der am Ende der Nahrungskette stehenden Tiere angereichert wird, und zwar in Mengen, die das 10’000 bis 100’000 fache dessen betragen, was der Landwirt jährlich einsetzt. DDT, auch in der Muttermilch und im menschlichen Fett nachgewiesen, wurde in den Industrieländern verboten. Diese stellen es noch her für die Länder der Dritten Welt!

Wenn Wanderfalke, vor allem aber Habicht und Sperber im Wallis gut überlebt haben, ganz im Gegensatz zu den Populationen im schweizerischen Mittelland, die auf weniger als 1% des Ausgangsbestandes zurückgingen, so deshalb, weil die behandelte Landwirtschaftsfläche in unserem Kanton gering ist. Der Adler, der nicht in der Tiefebene verkehrt, entging der Vergiftung; nicht so der Uhu, der nur in den höchstgelegenen Tälern überlebte. Dieser Nachtraubvogel hat wahrscheinlich unter derselben Vergiftung gelitten wie die Tagräuber, denn sein Bestand wächst heute wieder, allerdings mit Verspätung, was wohl auf die niedrigere Nachwuchsrate zurückzuführen ist. Die sichtbare Sterblichkeit, die durch Starkstromleitungen verursacht wird, hat die grössere Gefährlichkeit der Pestizide überdeckt.

Dieses Problem der Umweltvergiftung durch DDT ist nicht das einzige. Während DDT in den Fetten sitzenbleibt, kann Quecksilber – ein Naturprodukt, das als Gift verwendet wird ausgeschieden werden, weil es in den Federn eingelagert wird, die während der Mauserzeit ausfallen. Die Bestimmung des Quecksilbergehaltes in den Federn präparierter Vögel führte zu unwiderlegbaren Ergebnissen. Fischfressende Vögel, die sich im Unterlauf von Kanälen aus Papierfabriken ernähren, zeigen eine sich seit anfangs des 20. Jahrhunderts verstärkende Verseuchung; am Boden lebende Räuber wurden später vergiftet, als die Antipifzbehandlung des Saatgutes mit quecksilberhaltigen Produkten begann. Die Federn junger Fischadler, die in Schweden geboren wurden, enthalten mehr Quecksilber als diejenigen erwachsener Fischadler, weil diese ihr Federkleid während der Überwinterung in Afrika wechseln. So werden Vögel zu Anzeigern der Verschmutzung unserer Umwelt.

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