Tektonisches Gerüst der Walliser Alpen

In einfachster Darstellung (Fig. 10) wird die Geschichte vom Werden der Alpen erzählt. Da die Tektonik von der Erdgeschichte abhängt, finden wir in ihr den Schlüssel zur Geologie der Walliser Alpen: Zwischen den Fragmenten eines zerbrechende Urkontinentes entstand ein Ozean. Die ihn begrenzenden Fragmente, die in der Folge zusammenstiessen, sind die europäische und die afrikanische Platte der Lithosphäre. Vom Ozean blieb nur eine oft kaum sichtbare Narbe übrig.

Im Folgenden zeigen eine Anzahl geologischer Karten, Profile und Blockdiagramme jeweils neue strukturelle Elemente und andere Phänomene, die zu erklären sind. Beim Lesen wird es deshalb nötig sein, sich immer wieder sowohl auf den Text, als auch auf die Figuren zu beziehen.

Die Alpenkette bildet einen Bogen (Fig. 11), der in Österreich fast in ost-westlicher, in Frankreich dagegen ungefähr in nordsüdlicher Richtung verläuft. Beim Zusammenstoss der europäischen und der afrikanischen Platte bildeten sich Teilplatten und durch Landschwellen getrennte Meereströge, die im Verlauf der Erdgeschichte unterschiedliche Entwicklungen erlebten, sodass heute die Geologen die Alpen in drei Zonen einteilen:

  • am Aussenrand des Alpenbogens, gegen das schweizerische Mittelland hin, liegt die Extern-Zone, die nur bescheidene Deformationen aufweist.
  • am Innenrand, Richtung Italien, folgt die Intern-Zone mit den stärksten Deformationen.
  • noch weiter im Süden liegen die ostalpine- und die südalpine Zone. Beide sind beinahe unbeschädigt und stellen den Rand der afrikanischen Platte dar.

Die Karte (Fig. 11) zeigt, dass in Oesterreich der Rand der afrikanischen Platte sehr weit im Norden liegt, der Intern- und Extern-Zone kaum Platz lassend. Doch das ist nur scheinbar so; denn in Wirklichkeit überdeckt der Nordrand der afrikanischen Platte die beiden Zonen, wie man dank der Erosion weiss. Sie schuf zwei geologische Fenster, ein grosses in den österreichischen Hohen Tauern und ein kleineres im Unterengadin, durch die man die tieferliegenden tektonischen Elemente sehen kann.

In den schweizerischen, französischen und italienischen Alpen ist die Intern-Zone in einer Breite von einigen Dutzend km aufgeschlossen. Einst war auch sie von einer südalpinen Platte überdeckt, unddie Verhältnisse glichen durchaus den heutigen in Oesterreich. Doch die Platte wurde wegerodiert, bis auf einen Rest, der im Wallis als Zeuge erhalten blieb.

Das nicht massstäbliche Blockdiagramm (Fig. 12) zeigt dieselben Zonen, wie die Karte, so wie sie erscheinen würden, wenn die Erosion die sedimentären Deckschichten abgetragen, die Sockel aber stehengelassen hätte. Diese recht vereinfachte Darstellung zeigt im Schnitt die tektonischen Einheiten, ihre gegenseitige Überlagerung und räumlichen Beziehungen.

Die ostalpine Zone erscheint gegen Osten hin als fast horizontale Platte, die aber gegen Süden eine grosse Falte bildet. Im flachen Teil sind, durch ein Fenster, die tieferliegenden Zonen zu sehen. Im Wallis erkennt man den nicht erodierten ostalpinen Zeugenrest, der in einer Depression zwischen zwei axialen Kulminationen erhalten blieb. Axiale Depressionen und Kulminationen tragen wesentlich bei zur Kenntnis der alpinen Tiefentektonik. Im Blockdiagramm wirkt sich das nicht besonders eindrucksvoll aus, doch in der Natur werden dadurch tiefliegende Stockwerke um einige tausend Meter gehoben und an der Oberfläche aufgeschlossen.

Fig. 13 zeigt die Lage der vorstehend erwähnten tektonischen Zonen im Wallis. Nun sind auch die in der Schweiz üblichen Benennungen einzuführen:

  • Die Extern-Zone heisst bei uns helvetische Zone. Sie umfasst das Gebiet nördlich der Rhone bis weit über die Grenzen zur Waadt und zum Kanton Bern hinaus.
  • Die Intern-Zone wird penninische Zone genannt. Sie liegt südlich der Rhone. Ihre Grenze gegenüber der helvetischen Zone ist durch den Lauf des Flusses vorgezeichnet, ausgenommen im Westteil, wo sie sich durch das Val Ferret nach Süden wendet.
  • Die ostalpine Zone wäre nur in Italien sichtbar, gäbe es nicht den vorstehend genannten Zeugen. Er ist vorallem deshalb wichtig, weil die Erosion aus ihm die höchsten Berggipfel modelliert hat. Dieses isolierte Ostalpin trägt die geologische Bezeichnung DentBlanche-Decke.

In Fig. 13 ist eine zusätzliche Komplikation zu erkennen: Im Chablais des Wallis, wie auch in demjenigen det Waadt und in den Freiburget Votalpen, liegen penninische und ostalpine Elemente. Die Erklärung, wie diese Fremdkörper hierher gerieten, muss auf später verschoben werden.

Betrachtet man die Karte (Fig. 14), glaubt man einen grossen Wirrwarr vor Augen zu haben. Doch so ist die Wirklichkeit, wenn man von den grossen alpinen Einheiten (Helvetikum, Penninikumund Ostalpin) die zugehörigen Sockel und ihre Deckschichten ausscheidet und in verschiedenen Signaturen kartiert. Vergleicht man die Karte mit dem Blockdiagramm (Fig. 13), so sieht man die Übereinstimmung hinsichtlich der Lage der grossen Einheiten.

Vielleicht trägt das nicht massstäblich gezeichnete Profil (Fig. 14, Mitte) mehr zum Verständnis bei. Es soll zeigen, weshalb und nach welchen Eigenschaften die Geologen die grossen Einheiten voneinander unterscheiden.

Im Helvetikum ist die Grenze zwischen Sockel und Deckschichten relativ unkompliziert. Die Deckschichten selbst wurden grossräumig gefaltet, gegen aussen verschoben und aufgetürmt. In nordwestlicher Richtung, gegen den Jura hin, geht das Helvetikum allmählich in noch externere Regionen über, in denen die europäische Platte keine Deformation erlitten hat. In südöstlicher Richtung wird das Helvetikum vom Penninikum abgelöst und dabei ändert sich auch der tektonische Stil völlig: Sockel und Deckschichten sind miteinander verfaltet. Oder etwas schematischer ausgedrückt: Die Antiklinalen des Sockels sind unter sich verbunden durch enge und tiefgehende Synklinalen der sedimentären Deckschichten. Diese Abfolge von gequetschten Falten verleihen der Karte das chaotische Aussehen. Dazu kommt, dass von der Erosion Täler in den Faltenstapel geschnitten und Berge herausmodelliert wurden. Also wird eine komplexe Geologie von einer vielgestaltigen Topographie überlagert, sodass sich für den Nichtgeologen ein kaum zu entwirrendes Bild ergibt. Das Profil (Fig. 14, Mitte) zeigt übrigens deutlich die Herkunft des Penninikums im Chablais. Es handelt sich einfach um einen Teil der penninischen Sedimenthülle, der über das Helvetikum hinweg glitt und, weit entfernt von seiner ursprünglichen Heimat, als eigenständige Decke liegen blieb.

Auch vom Ostalpin, das als Rand der afrikanischen Platte etwas einfacher gebaut ist als das Penninikum, wurde ein Teil der Sedimenthülle in nordwestlicher Richtung nach vorne abgeschoben.

Es soll nun versucht werden die Lage der tektonischen Elemente gegen Ende des Erdmittelalters zu rekonstruieren. Dies ist vereinfacht und schematisch dargestellt in Fig. 14 (unten). Man sieht, dass die sedimentären Deckschichten des Helvetikums und des Ostalpins auf granitisch-gneisigen Kontinentalsockeln liegen. Im Penninikum, das den Südrand der europäischen Platte einnimmt, sind die Verhältnisse anders. Die Sedimentschichten bedecken teils granitisch-gneisige Kontinentalplatte, teils liegen sie auf ozeanischer Kruste, die sich zwischen der europäischen und der afrikanischen Platte gebildet hat. Noch zu Beginn des Erdmittelalters waren beide Platten ungetrennt und gehörten einem geschlossenen Urkontinent an. Erst die in Fig. 10A gezeichneten Dehnungskräfte führten zu Zerrungen, die den Urkontinent auseinander rissen. Als Folge davon öffnete sich im zukünftigen alpinen Raum ein Ozean, den die Geologen Wallisertrog nennen. Er war gesäumt von untiefen Meeresbecken und Inselreihen.Von einigen gutgelegenen Standorten aus kann man mit einem Blick alle die genannten übereinander aufgeschobenen Decken erkennen. Auf Tafel VII ist eine solche Region zu sehen.

Nun ist es soweit, dass der Leser über die grossen tektonischen Einheiten der Alpen orientiert ist. Er weiss etwas über ihre Entstehungsgeschichte und kennt in groben Zügen ihre Stellung im Wallis. Vermutlich war es für den Leser nicht sehr einfach dem Ganzen zu folgen und vielleicht genügen ihm die bisher gegebenen Informationen. Wenn dem so ist, darf er ohne Bedenken zu jenen Kapiteln übergehen, in denen das Wallis von heute beschrieben ist. Will er aber noch tiefer in die Walliser Geologie eindringen, so wird er versuchen müssen Dinge zu verstehen, die sich nicht mehr schematisch vereinfacht erklären lassen. Also dann, mit gutem Mut auf in die Bergwelt !

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