Wanderfalke

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In den Alpen bewohnt der Wanderfalke möglichst grosse Felswände. Nur ausnahmsweise lassen sich Einzelheiten ausmachen: braune Augen, gelber Schnabelansatz, bläulich schimmernde Rückenfedern, braune, horizontale Streifung auf weisser Brust und weissem Bauch, gelbe Krallen. Man muss lernen seine charakteristische Silhouette zu erkennen, die feine Gestalt der spitzen Flügel, die dank den starken Schultern und dem sich — im Gegensatz zu andern Vögeln – nach hinten zuspitzenden Schwanz den Eindruck von Kraft erwecken.

Er baut kein Nest, sondern gräbt eine kleine Mulde in eine Nische oder auf einem Felsband, wenn er sich nicht gar den Horst eines Kolkraben oder sogar eines Steinadlers aneignet. Trotz den gewaltigen Felswänden, die sie bewohnen, brüten Weibchen meistens in Lagen unter 1000 m. ü. M., an einem Ort mit Sicht auf die Rhoneebene oder auf die tieferliegenden Gebiete der Seitentäler. Von den Höhen der Felswände überwacht der Falke seinen Lebensraum. Zweifelsohne erklärt das, warum sein ganzes Leben sich um den Nistplatz dreht, denn dieser dient als Beobachtungsposten gegen Gefahren und Eindringlinge, als Balzplatz, Schlafstätte und Ansitz für die Jagd.

Gelegentlich verlassen sie ihr Revier, um andere Jagdgebiete zu erkunden oder besondere Situationen zu nutzen wie die Vogelzüge über den Bretolet-Pass, die Schlafstellen der Stare und Schwalben bei Pouta-Fontana im Herbst oder den Abendzug der Wacholderdrosseln über den Berghängen von Riddes im Winter. Diese Abwesenheiten sind aber immer von kurzer Dauer, selbst wenn sie sich auf Distanzen von mehr als 10 km vom Standort entfernt erstrecken.

Zur Zeit des grössten Rückganges in den Jahren um 1970 nisteten noch 6 Paare Wanderfalken im Mittelwallis. Seither hat sich der Bestand vergrössert: in einer ersten Etappe (um 1980), verbreiteten sich die Wanderfalken wieder über den ganzen Kanton und seit 1990 hat ihre Dichte vor allem im Mittelwallis zugenommen. Diese Zunahme sollte sich mit der Zeit auch auf das Ober- und Unterwallis erstrecken. Gegenwärtig liegt der Bestand unter der Anzahl der geeigneten Felswände: einige Paare benützen wechselnd zwei Nistplätze, die bis zu 3 km voneinander entfernt sein können. So belegen 19 Paare die 26 Felswänder, welche imRhonebecken, vom Genfersee an talaufwärts, mindestens einmal bewohnt waren. Die auf das Territorium bezogene Unduldsamkeit trennt benachbarte Paare um 8 km im Mittel und verhindert, dass sie links und rechts des Rhonetales direkt einander gegenüber nisten.

Zum Zeitpunkt der Fortpflanzung, ab Januar bis Februar, zuerst an den Süd-, dann an den Nordhängen, zeigen sie die Belegung einer Felswand an mit schwindelerregenden Flügen und mächtigen, rauhen Rufen in klagendem, näselndem Ton: gääääi, gääääi, unterbrochen von Schreien, ähnlich denjenigen der Turmdohle. Wahrscheinlich handelt es sich sowohl um einen Territorialschrei, wie man aus der Vertreibung von Drittindividuen, die sich einmischen wollen, schliessen könnte, als auch um einen Hochzeitstanz, der die Übergabe eines vom Männchen gefangenen Beutestückes ans Weibchen – selbstverständlich in der Luft — mit einschliesst.

Ein Jäger im Höhenflug #

Abgesehen von einigen Fledermäusen lebt der Wanderfalke fast ausschliesslich von Vögeln. In dieser Beziehung sind ihm die Arten der Biotope in der Umgebung gleichgültig: die Felsenschwalben, die gelegentlich vor seiner Wand jagen, erleiden häufig seine Angriffe, aber er geht ebenso auf die Ringeltauben oder die Haustauben los wie auf die Amseln, Finken und Drosseln, die es wagen, in seinen Luftraum einzudringen. Turmfalken und Sperber werden gelegentlich angegriffen, aber nicht unbedingt als Beutevogel. Er ist wirklich ein Opportunist, der als wahrer Meister seltsamer Luftballete die Alpendohlen von Sitten jagt, die Schlafplätze der Stare von Pouta-Fontana kennt, aber auch vorbeifliegende Lachmöven necken kann. Ich habe sogar einen Überfall auf einen Graureiher, der St-Maurice überflog, erlebt. Dieser, jede Würde des Benehmens verlierend, streckte seinen Hals, öffnete die Beine und liess sich vom hohen Himmel herab direkt in Richtung Rhone fallen. Als der Raubvogel dies sah, verzichtete er auf diese Mahlzeit. Der Erfolg eines Angriffs hängt halt vom Überraschungsmoment ab.

«Um einen Vogel im Flug zu fangen, ist es besser, ihn von hinten anzufliegen, um zu verhindern, dass wir, wegen eines plötzlichen Ausweichens, um die Mahlzeit kommen.» So könnte der erste Satz in einem Jagdkurs für Falken lauten. Sie zögern nicht, Umwege von einigen hundert oder tausend Metern zu fliegen, um eine entdeckte Beute im richtigen Winkel anzufliegen. Aber, welche Gewandtheit, welche Leichtigkeit beim Fangen; man könnte fast von Pflücken reden! In Riddes sitzt er oft beobachtend auf einer alten Lärche, die über dem Gewoge der Föhren steht. Hat er eine Beute entdeckt, so wirft er sich in den Jagdflug, beschleunigt, nur noch die Spitzen der halbgeschlossenen Flügel bewegend, sticht er in die Ebene – gegen den Flug der Drosseln, die hangaufwärts fliegen. Nach einer langgezogenen Kurve kehrt er im toten Winkel seiner zukünftigen Beute um und, den Schwung ausnützend, «pflückt» er sie im Steigflug, lässt sich auf der vertrockneten Lärche nieder und verzehrt sein Opfer. Gelegentlich kommt es vor, dass er sie schon im Flug zerlegt, was nicht ohne Risiko ist. So geschah es eines Winterabends in Ecône, dass ein Wanderfalke, der gerade eine Wacholderdrossel rupfte, von einem Ungetüm mit voller Wucht getroffen wurde. Von der Überraschung völlig verwirrt liess der Falke seine Beute fahren, um dann noch festzustellen, wie ein Habicht die fallende Drossel im freien Fluge packte. Lehre aus dem Jagdkurs: «Achtsam bleiben, auch nach dem Fang!»

Diese Technik des Fliegens in der Höhe ermöglicht einen zweiten Angriff, vorausgesetzt, der erste habe in grosser Höhe stattgefunden. Das erlaubt dem Falken, den Schwung zu erneuern und die Beute aufzufangen, bevor sie den Boden erreicht. In der Regel fliegt der Falke gleich mit seiner Beute davon. Es kann aber auch vorkommen, dass er seinen Flug fortsetzt, nachdem er einen Vogel erschlagen hat, um das wie ein Stein fallende Opfer erst nach einer eleganten Kurve zu packen. Das kann allerdings auch nachteilig ausgehen, wenn sich da etwa ein Kolkrabe herumtreibt.

Hin und zurück kann sich eine Jagd schon über 1 bis 4 km ausdehnen. Weil die angepeilten Beutevögel gelegentlich entwischen, müssen für 20 gr Fleisch und Federn oft 15 bis 20 km Flugweg zurückgelegt werden. Deshalb nehmen Falken, wenn sie vor ihren Wänden Felsenschwalben jagen und bis zu sechs Angriffen benötigen, immer den gleichen Rückweg, um den Aufwind vor den Felsen auszunützen.

Ausserhalb der Seitenhänge des Rhonetales sieht man den Wanderfalken selten oberhalb von 1500 m, einzig am BretoletPass, wo der Strom der Zugvögel genügend Nahrung bringt, um einem Paar die Sommerung zu ermöglichen. Es ist wahrscheinlich der einzige Ort, wo die Vögel des Unterholzes sich seinen Angriffen aussetzen.

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